Archiv der Kategorie: Hochbegabung und Hochsensitivität

Kinder möchten frei sein von den Träumen, die ihre Eltern für sie haben

Als Dozentin für Bildungs- und Lerngeschichten bin ich davon überzeugt, dass ein „auffälliges Kind“ sich verändert, wenn es mir durch eine sachliche Beobachtung dessen, was ist – ohne Assoziationsketten, ohne Interpretation oder Bewertung und vor allem ohne persönliche Trigger – gelingt, einen anderen Blick auf es zu bekommen, als ich ihn vorher hatte. Es funktioniert. Ich habe es oft genug bezeugen dürfen.

Ein Kind spürt es unmittelbar, wenn ich ihm gegenüber eine andere Erwartungshaltung an den Tag lege – dass ich es für möglich und denkbar halte, dass es sich neu verhält. Daraufhin wird es sein Verhaltensrepertoire erweitern und nach und nach seine Schublade in meinem Kopf verlassen können. Es wird sich darüber ehrlich freuen, nicht mehr so festgelegt zu werden, sich öffnen und das nach außen ausstrahlen.

Und das wiederum spüren sofort andere, Kinder wie Erwachsene, und verhalten sich ihm gegenüber ebenso neu. Alle sind ein Stück befreit von den Rollen und Zuschreibungen, die sie unreflektiert übernommen haben. Und schwupps hat mein veränderter Blick für das Kind eine neue Welt geschaffen. Alles, was es braucht, ist Vertrauen.

Was für pädagogische Fachkräfte gilt, für die es ein ganzes Set von Werkzeugkoffern gibt, um zu üben, wie sie Kindern unvoreingenommen begegnen können, das gilt für Eltern ganz besonders.

Eltern bewegen sich meist in noch viel stärkeren Spannungsfeldern.

Da ist das Familiengeheimnis, das wenige Generationen zuvor von jemandem begraben wurde und unbemerkt herumwuchert.

Da ist das ungeborene Geschwisterkind, dessen ungeahnter Verlust beim Nachgeborenen in unergründliche Trauer mündet.

Da ist dem eigenen Vater der Vater früh gestorben und nun wird der Sohn mit dem Vater verwechselt.

Da wird sich Eltern gegenüber auf merkwürdige Art und Weise loyal verhalten, ohne dass die Handlung einmal hinterfragt wird.

Da wird die Trauer um das eigene ungelebte Leben unreflektiert an die Kinder weitergegeben, die plötzlich Tänzer werden sollen, weil die Mutter es nicht konnte – oder gerade nicht, weil die Großmutter brotlos endete.

Da ist das kollektive Trauma der Weltkriege. Da steckt sogar noch irgendwo die Erinnerung an die Haltlosigkeit des Dreißigjährigen Kriegs in den Genen.

Ich spreche vom allgegenwärtigen transgenerationalen Trauma. Und nicht nur.

Wenn ich mich in meine eigene Kindheit zurückversetze, fällt mir gleich ein eher harmloses Beispiel ein.

Meine Mutter hat so lang davon gesprochen, dass ich doch Bankkauffrau werden soll, bis sie zu meiner großen Freude selbst in eine Bank gewechselt hat. Wirklich gesehen fühlte ich mich von ihr nicht. Ich wäre wohl die schlechteste Bankkauffrau der Welt geworden.

Viele Frauen berichten mir von Träumen ihrer Mütter, sie sollten einen gut situierten Mann heiraten, und einen „Hausfrauenberuf“ lernen – als wären wir noch im achtzehnten Jahrhundert.

Wenn Du mal kurz in Dich hineinspürst: Von welchen Träumen, die Deine Eltern für Dich hatten, konntest Du Dich befreien?

Und Hand aufs Herz: Welche ihrer Träume hast Du gelebt, obwohl sie eben nicht die Deinen waren?

Lebe DEINEN Traum – und nicht den Deiner Eltern oder Deiner Kinder!

Die Frage, auf die ich hinaus möchte ist jedoch die: Welchen Traum träumst Du jetzt für Deine Kinder?

Und hier meine ich gar nicht unbedingt ausschließlich die beruflich einschränkenden Träume.

Ich bin gar nicht so weit gekommen, mir das Leben meiner Kinder in irgendeiner Form so vorzustellen, dass sie vielleicht einen ungelebten Traum von mir hätten verkörpern können. Klar hätte ich mich superdupergefreut, wenn einer meiner Jungs Schauspieler geworden wäre. Das wollte ich so gern selbst!

Der Traum, den ich für sie hatte, ist viel schlimmer. Ich habe mir hilflos das Chaos angeguckt, das wir im System Schule erlebt haben, und der immer wiederkehrende Traum, den ich hatte, war, dass sie niiiiie einen Schulabschluss schaffen.

Ich habe sie ernsthaft unter einer Brücke schlafen sehen.

Ich weiß jedoch, dass ich damit nicht allein bin. Ich durfte kürzlich einer besorgten Mutter zuhören, die den Traum der Drogensucht träumte. Ihr Sohn ist höchstens acht. Ich konnte sie fühlen. Oder einer Mutter, die den liebevollen Wunsch hatte, ihr erwachsener Sohn könnte mal „in die Puschen kommen“. Auch ein schöner Traum.

Der Klassiker ist eigentlich immer wieder die Frage nach dem Überspringen von Klassen oder der frühen Einschulung – Akzeleration ist nachweislich eine der besterforschten und wirksamsten Methoden, die begabten Kindern im Kampf gegen die Langeweile zur Verfügung steht. Das Kind ist höchstens Grundschüler und immer wieder wird als Gegenargument die neblige Situation mit den zu weit entwickelten Klassenkameraden in der Pubertät heraufbeschworen. Ich kenne vierjährige Kinder mit dem Sprachverständnis von Achtjährigen, da ist sowieso kein Vergleich zu Gleichaltrigen möglich, geschweige denn eine Passung, und vor allem nicht hypothetisch in vier bis sechs Jahren… Also lieber im Hier und Jetzt bleiben.

Was träumst Du so von der Zukunft?

Ich träume von einem Traumkurs, für Eltern, um uns selbst und unsere Kinder von fremden Träumen zu befreien

Als Playing Artist mit einer aktivierten inneren Träumerin und als Arts & Change-Coach habe ich einen spielerischen Zugang zu innovativen und kreativen Lösungen gefunden. Meine Methoden sind schon lange nicht mehr nur Handwerkszeug für mich, sie sind meine Art zu leben geworden.

Ich möchte direkt über die Bilderwelt der nächtlichen Träume einsteigen, um Eltern dieses Freilassen ihrer Kinder zu ermöglichen. Damit der beste Traum sich zum höchsten Wohle und in Einklang mit der Weisheit unseres Traumbewusstseins entfalten kann. Individuelles Traummaterial und insbesondere Alpträume bringen großes Verständnis für die Lösung der aktuellen Problematik.

Träume, Kunst, Psychosynthese, aktive Imagination, kreatives und luzides Schreiben sowie Creative Dreamplay verhelfen uns dazu

🎁 uns mit der Weisheit unseres Traumbewusstsein und inneren Bilderwelten zu verbinden

🎁 die Wahrnehmung für uns selbst zu verbessern

🎁 unsere eigenen und die limitierenden Glaubenssätze, die wir an unsere Kinder weitergeben, zu entschlüsseln und aufzulösen

🎁 nachzunähren und die eigene Vergangenheit aktiv zu verändern

🎁 spielerisch Handlungsfelder zu erweitern

🎁 unsere individuellen Traumsymbole zu nutzen, um psychologische Projektionen zu stoppen – die unserer Eltern auf uns und die unseren auf unsere Kinder

🎁 frühkindliche Muster zu erkennen und aufzulösen

🎁 uns von allem zu trennen, das nicht zu uns gehört, und es an die zurückzugeben, für die wir es tragen

🎁 Verantwortung zu übernehmen für unsere Trigger

🎁 auch die Trigger zu stoppen, die pädagogische Fachkräfte unserer Kinder in uns drücken, und unsere Zuschreibungen und auf sie bezogene negative Gedanken loszulassen

🎁 die Atmosphäre zu verändern, in der unsere Kinder aufwachsen

🎁 anderen gegenüber eine positive Erwartungshaltung auszustrahlen

🎁 ein besseres Leben für unsere Kinder zu erträumen und ihre gute Zukunft in bunten Farben zu sehen, ohne sie auf unsere Definitionen von der Welt festzunageln – Freiheit und Glück fühlen sich für sie vielleicht ganz anders an, als wir uns heute vorstellen können

🎁 unsere Kinder von unseren Träumen zu befreien

🎁 eine gute Zukunft für uns und unsere Kinder zu manifestieren

Wenn wir Kinder derart freilassen, dann dürfen nicht nur sie sie so sein, wie sie sind, auch wir geben uns dadurch die Erlaubnis, wir selbst zu sein.

Wir vertrauen darauf, dass sie sich zum höchsten Wohle und zu ihrem eigenen Besten entwickeln und ihren Weg gehen, auch wenn das heißt, dass sie vielleicht Entscheidungen treffen, die uns nicht schmecken. Sie dürfen mit ihrem Potential machen, was sie wollen. Sie haben das Recht, Underachiever zu sein und nur zu brillieren, wenn sie den Sinn in ihrem Tun erkennen. Sie müssen nicht funktionieren. Sie dürfen ihre eigene Landebahn ausrollen und ihre Zukunft kommen lassen, und unsere Aufgabe ist es, ihnen den Raum und den Rücken zu halten – nicht jedoch den Weg zu bestimmen oder auch nur zu visualisieren. Es ist ihnen erlaubt, ihren eigenen inneren Reichtum in diese Welt zu bringen und bedingungslos sie selbst zu sein. Was auch immer das für sie bedeuten mag.

In meinen Kita-Weiterbildungen und auch in den Elternberatungen für Eltern von hochbegabten und hochsensitiven Kindern geht es immer wieder um das Herstellen eines entwicklungsorientierten dynamischen Weltbildes, und das sanfte Herauslösen aus einer fixen, in Stein gemeißelten Hoffnungslosigkeit. Und den Stress, der mit einer Verhaftung in negativen Zukunftsszenarien einhergeht.

Ich bin wild überzeugt davon, dass ein „organisiertes Nervensystem“ harmonisierende Auswirkungen auf andere in seiner Umgebung hat. Koregulation durch Selbstregulation nenne ich diesen Effekt.

Deshalb liebe ich die Polyvagaltheorie so sehr, die mir die Praxis schenkt, zum Wohle aller alles tun zu dürfen, das mein Nervensystem herunterfährt, was erstmal nur mir gut tut.

Gerade habe ich über eine Studie gelesen, dass ein natürlicher Heiler noch größere Auswirkungen auf die Herzkohärenz eines anderen hat, wenn er sich auf seine eigene konzentriert und nicht auf die des anderen. Ich kläre meine Themen, damit meinen Kindern der Weg geöffnet wird, sie nicht auch noch klären zu müssen. Denn meine Kinder bohren sowieso mit dem Finger in meinen Wunden, sie fordern es heraus, dass ich mich für sie weiterentwickele. Sie spiegeln durch ihre Verhaltensweisen meine ungeklärten Themen. Dafür sind sie da.

Ein Beispiel.

Als meine Kinder klein waren, haben sie viel geschrien. Besonders unser Kleiner war ein ausgesprochenes Schreikind. Schlaf brauchten beide kaum. Über Monate und Jahre. Das hat mich abgesehen vom eigenen Schlafmangel auch psychisch total zermürbt. In der Zeit hatte ich einen unausgesprochenen Konflikt mit einer Freundin und habe erkannt, dass mein Großer den jedesmal, wenn wir sie besuchten, total ausagiert hat. Er wurde unhaltbar. Ich musste allein für ihn da raus.

Dadurch, dass dieser Zusammenhang zwischen meinen ungeklärten Gefühlen und der Unruhe meines Sohnes so unfassbar deutlich war, konnte ich es übertragen.

Mir wurde klar, dass ich das Schreien meines Kleinen nicht ertrug, weil ich das Schreien meines eigenen verlassenen inneren Kindes nicht hören wollte. Das meine ich mit Trigger.

Ich bekam im Außen präsentiert, was ich mir im Innen nicht anschauen wollte. Und zwar so lang, bis ich es mir anschaute. Mich endlich liebevoll mir selbst zuwandte. Und diese Selbstzuwendung, dieses Selbstmitgefühl, das in Selbstfürsorge mündet, die sind jetzt meine Schlüssel geworden. Nur wenn meine eigenen Tanks voll sind, kann ich der Welt dienen – und je nach Lebenssituation bedeutet die Welt dann meine Kinder.

Für mich bedeutete es auch, zu erkennen, dass die Tatsache, dass ich nicht auf die Idee kam, mir einen Babysitter zu nehmen (wirklich nie) und mal eine Auszeit zu gönnen, unmittelbar in Zusammenhang mit der Geschichte stand, die ich mir über meine Kindheit erzähle. Mit meinem Selbstbild als „verlassenes Kind“ hatte ich mir geschworen: Kinder lässt man nicht allein. Wie eng und unerbittlich meine Definition von „allein“ dabei war, das habe ich nicht mehr gemerkt.

Ich bin mir der großen Verantwortung bewusst, dass ich meine eigenen Themen für mich klären darf, bevor ich mir die Themen meiner Kinder zu eigen mache.

Ich weiß, dass ich das Leben meiner Kinder maßgeblich beeinflusse mit meinem Traum, den ich für sie träume.

Außerdem sehe ich es als das große Privileg meiner Generation an, dass es mir vergönnt ist, die Arbeit, die zu tun ist, zu tun. Ich bin nicht, wie unsere Großelterngenerationen, mit Überleben oder Aufbau beschäftigt.

Meinem letzten Workshop auf der ECHA-Konferenz habe ich den Schwerpunkt gegeben, alles zusammenzutragen, was Eltern hilft, um sich eine gute Zukunft für die eigenen Kinder überhaupt erst als möglich vorstellen zu können.

Jetzt gehe ich einen Schritt weiter.

Wenn wir unsere Kinder aus unseren Träumen entlassen, dann sind sie frei, ihre eigenen Träume zu verwirklichen und nicht eingeschränkt zu sein von unseren Zuschreibungen und Projektionen. Sie können die sein, als die sie gemeint sind. Einfach sie selbst.

Als integraler Coach höre ich erst auf, nachdem wir das ganze System beleuchtet haben, nicht nur uns selbst, die eigenen Eltern und Kinder, sondern natürlich auch die eigenen Partner und das Umfeld, die Menschen, denen wir unsere Kinder anvertrauen.

Nicht umsonst hat Harville Hendrix das Wort „Heimkino“ erfunden für die Tatsache, dass die wenigsten von uns jemals ihren Partnern wirklich so begegnen werden, wie sie wirklich sind. Wir wählen uns unsere Partner als Konglomerat aus den Eigenschaften unserer frühen Bezugspersonen unbewusst so aus, dass sie uns die Möglichkeit geben, mit ihnen unsere Kindheitswunden und unsere alten Muster aufzulösen.

Unser Leben, unsere Symptome auf der körperlichen, emotionalen und mentalen Ebene, unsere Träume, unsere erlebten Synchronizitäten – das alles sind Versuche unseres Unbewussten, mit uns zu kommunizieren. Und es ist uns immer wohlgesonnen. Das zu erleben, und uns zu öffnen für das Feld der höchsten Potentiale, ohne unsere eigenen limitierenden Vorstellungen davon, wie die sogenannte Realität zu sein hat oder nicht, das ist das Ziel meines Kurses. Wenn wir es für uns tun, wirkt das automatisch auf unsere Kinder.

Verändere die Natur Deiner persönlichen Realität und erweitere Deine Definition von Normalität!

Lebe DEINE Träume – Der Traumkurs für Eltern

Der Traumkurs für Eltern „Befreie Deine Kinder von Deinen Träumen“ oder „Lebe DEINE Träume“ (der endgültige Titel wird noch zu mir kommen, den muss ich wohl noch träumen) wird erstmals im September als Onlinekurs auf Zoom stattfinden.

Es gibt vier Treffen, Dienstagabends von 20 Uhr bis 21:30 Uhr

am 6.9.

13.9.

20.9.

27.9.

Es wird Aufnahmen geben für die, die an einem Treffen mal nicht dabei sein können. Ebenso werde ich eine begleitende Facebookgruppe eröffnen, in der ein Austausch zwischen den Treffen stattfinden kann.

Der Preis ist 300 €.

Anmeldung bitte per Mail an britta(at) weinbrandt.com oder über mein Kontaktformular.

Wer nicht so lang auf den Kurs warten mag, ist herzlich willkommen im Einzelcoaching!

Wer bis zum Start des Kurses etwas mehr über das Träumen an sich erfahren möchte, ist herzlich Willkommen im Lucid Living Dream Team auf Facebook.

https://www.facebook.com/groups/lucidlivingdreamteam

Meine wöchentlichen Impulse zur Verbesserung der Verbindung zu unserem Traumbewusstsein versende ich auch per Mail. Einfach nachfragen!

    Diese Website ist durch reCAPTCHA geschützt und es gelten die Datenschutzbestimmungen und Nutzungsbedingungen von Google.

    Mein verlorener Zwilling – und das Phänomen Hochsensitivität

    Nicht, dass von meiner neugefundenen Schwester zu erzählen ein Thema wäre, das mir als Einzelkind leicht über die Lippen ginge. Es gehört zu den vielen unaussprechlichen Dingen, die ich so anzuziehen scheine. Ich suche mir diese Themen nicht aus.

    Seitdem ich von dem Phänomen weiß, stelle ich jedoch fest, dass es sehr leicht ist, von der Sucheingabe „verlorener Zwilling“ auf das Thema „Hochsensitivität“ geleitet zu werden.

    Ich habe mich allerdings seit Jahren in das Feld der Hochsensitivität eingearbeitet (siehe mein Artikel: Wie Hochsensitivität zu persönlichem Wachstum verhilft) – und zwar derart tief, dass ich durchaus schon auf Bildungskongressen damit aufgetreten bin. Allerdings wurde ich durch die intensive Beschäftigung damit nicht ein einziges Mal auf die Idee gestoßen, meine Veranlagung könnte etwas mit einem verlorenen Zwilling zu tun haben.

    Nur wenn du nach „verlorener Zwilling“ suchst, kommst du drauf. Einfach „Hochsensitivität“ einzugeben bringt keinen Treffer. Du musst wissen, dass du danach suchst, bevor du es findest. Es ist ein bisschen verrückt.

    Es gilt also ganz deutlich eine Lücke zu schließen, eine Verknüpfung zu bilden, Wissen zu vermitteln. Ich scheine irgendwie verdammt zu sein, ungewöhnliche Nischen zu besetzen, damit ich andere darauf stoßen kann, dass auch das zum Leben dazugehört. Damit andere Betroffene nicht Jahrzehnte damit herumrennen müssen. Wie ich.

    Wo fange ich an?

    Mit ein paar meiner alten Lebenswahrheiten.

    Ich bin unschuldig schuldig.

    Ich bin allein auf dieser Welt.

    Ich bin falsch, ich kann nichts richtig machen.

    Mit mir ist etwas nicht in Ordnung.

    Das sind die unbewussten Glaubenssätze, die mich jahrelang geprägt haben.

    Kein Wunder, dass ich als Kind zur Königin der Psychosomatik wurde.

    Auch hatte ich über zwanzig Jahre lang Schwierigkeiten, mich meinem Mann zu erklären. Immer wieder stellte er mir eine völlig unverständliche Frage:

    Warum bist Du traurig?

    Als wenn es einen Grund dafür gäbe, traurig zu sein. Traurigkeit ist doch einfach da, das ist ein Grundgefühl.

    Es ist eine Tatsache.

    Das habe ich mir sogar – im Rahmen meines Selbstzertifizierungsprojektes – schon einmal zertifiziert.

    Die existentiellste meiner Lebenswahrheiten ist aber die, dass ich nie geboren hätte werden dürfen. Das war mir immer völlig klar.

    Mich haben trotz dieser Glaubenssätze sehr viele Dinge gerettet. Die Liste ist unendlich.

    Ich bin überzeugt:

    Unsere größte Wunde ist gleichzeitig unsere größte Stärke.

    Meine Lebensenergie ist ganz oben auf der Liste der guten Dinge. Aber lange dachte ich, dass ich auch das vor der Welt verbergen müsste. Ich habe ja zu viel davon.

    Der erste Schlüssel, um da herauszukommen, war zu erkennen, dass ich Ordnung bin, so wie ich bin.

    Als ich das langsam erahnen konnte und in meinen Selbstzertifizierungen ausreichend zelebriert hatte, wurde es mir ermöglicht, eine Schicht tiefer zu kommen.

    Es war in einer Integralen Organisations-Struktur-Aufstellung. Ein unerwartetes Geschenk, das mir im Sommer 2019 widerfuhr.

    Ich wollte wissen, warum ich alles immer nur gegen mich richte und nicht dorthin, wohin es eigentlich gehört. Also stand jemand für mein Problem. Jemand stand für meinen Fokus auf das Problem. Und jemand stand für das eigentliche Problem. Das, was hinter dem Problem steht.

    Und dann war sie da.

    Ich nenne sie Maria.

    So heißt meine Mutter mit zweitem Namen, nach meiner Uroma. So heißt die verstorbene Schwester meiner Oma. Ihre lebende ehrlich gesagt auch. Marianne heißt eine verstorbene Schwester meines Vaters. Die lebende meiner Mutter auch.

    Bestimmt würde sie Maria heißen.

    Meine ungeborene Zwillingsschwester.

    Und alle meine Lebenswahrheiten machten plötzlich einen Sinn.

    Erst habe ich es gar nicht geschnallt. Wie kann man das auch?

    Es ist nicht zu wissen. Es ist nur zu fühlen.

    Und dann verstand ich endlich, warum ich traurig bin.

    Wer es sofort glauben und annehmen konnte, das war mein Mann. Er sah den Unterschied in mir sofort.

    Die Britta ohne Maria, die fühlte die Schuld der Überlebenden. Sie hatte sich nie die Erlaubnis gegeben, hier zu sein und bewies sich immer wieder aufs Neue, dass sie ungewollt, ungeliebt und ungeschützt in dieser Welt sei. Noch dazu strahlte sie ein Was-willst-du-von-mir? aus.

    Ich habe mir früher auch immer eine Schwester gewünscht – und zwar mit einem leicht schlechten Gewissen, weil ich sie mir gleichaltrig vorgestellt habe. Das ging ja nicht – aber es war als Kind mein großer Traum.

    Ich glaube nicht, dass ich mich selbst als unvollständig empfunden habe. Aber da war ein Hunger in mir, der nicht zu stillen war. In meiner Jugend war keine meiner Freundschaften mir tief genug. Ich habe das für typische Pubertätsprobleme gehalten, dass ich so eine Unzufriedenheit und Leere gespürt habe, wo eine Verbindung hätte sein müssen. Wirklich nichts war mir tief genug. Ich habe die meisten Begegnungen als oberflächlich empfunden.

    Hochsensitivität und verlorener Zwilling

    Jetzt weiß ich, dass ich in allem immer nur die verlorene Verbundenheit mit meiner Schwester gesucht habe. Und ich verstehe jetzt, dass niemand diese Innigkeit ersetzen kann.

    Das kann ich nur selbst.

    Es ist für mich noch immer schwer zu begreifen. Aber an dem Tag, an dem ich erkannte, weswegen ich traurig bin – da war ich es nicht mehr.

    Die Britta mit Maria, die hat die Erlaubnis, ganz aus dem Vollen zu schöpfen.

    Ich kann mir jetzt endlich die Erlaubnis geben, hier zu sein.

    Zu leben.

    Glücklich zu sein.

    Ohne sie. Und dennoch mit ihr verbunden.

    Ich kann endlich ich selbst sein.

    Das Verrückte ist, dass ich wirklich nie drauf kommen konnte. Es ließ sich alles so gut erklären durch die anderen Themen, die ich im Laufe meines Leben gebändigt habe. Hochbegabung. Hochsensitivität. Frühkindliches Trauma. Unsicher vermeidend gebunden.

    Auch wenn ich es bewusst nicht ahnen konnte und durch meinen Start als Inkubatorkind und meine anderen Macken wie dem überschießenden Energiehaushalt durchaus bereits über Jahrzehnte mit Traumaauflösung an anderer Stelle beschäftigt war – dadurch, dass ich mein Leben lang irgendwie auf der Suche nach ihr war, habe ich dennoch bereits einige heilende Schritte vollziehen können.

    Unvergessen ist das Entstehen meiner Embryonalschablone auf dem Playing Arts Sommeratelier 2009, von der ich dachte, sie wäre ein Symbol für mein inneres Kind. Sie führte mich 2016 auf eine Reise zum Loch Ness, nur ich und sie, wo sie nun auf ewig mit meinem Lieblingsungeheuer schwimmt.

    …allerdings nicht, ohne vorher einen Abstecher über Nottingham gemacht zu haben….

    Das war die wohl heilsamste Aktion, die ich jemals für mein inneres Kind getan habe.

    Ich suchte also immer den Kontakt zu meiner verlorenen Schwester.

    Den mir niemand auf dieser Welt ersetzen kann.

    Die Frage ist:

    Wie verbinde ich mich bewusst mit ihr?

    Manchmal sind es die kleinen Momente. Einmal stieß mein Mann mich beim Einkaufen darauf, dass ich nicht mehr Zwei von allem mitnehme. Da brach ich dann mitten im Laden kurz mal in Tränen aus. Eine Senftube in der Hand haltend. Nicht zwei.

    Ich habe mir eine Halskette gekauft, die für die Verbindung mit ihr steht. Immer wenn ich sie in die Hand nehme, bin ich daran erinnert. Sie ist immer bei mir.

    Sie tauchte sogar unverhofft neben mir auf, als ich beim Zeichnen eines Ahnenmandalas in Ilka Sventja Jörgs Ahnenheilungsgruppe, damals noch Deep Roots, Verbindungslinien zu meinen Ahnen fließen ließ. Wir sind das grüne Geschwisterpaar in der Mitte.

    In einem Interview, das sie mit mir über ihre Ahnenarbeit geführt hat, erzähle ich auch von meinem verlorenen Zwilling.

    Ein sehr großes Geschenk machte mir Sabine Makkos, indem ich mich unter ihrer Anleitung neurographisch mit meiner ungeborenen Schwester verbinden durfte. Als Frau Sternenherz hilft sie eigentlich Müttern mit ungeborenen Kindern. Meine Geschichte rührte sie an und sie nahm sie in ihr Spektrum auf. Es floss viel Liebe!

    In Traumreisen begegne ich ihr manchmal – beim Yoga Nidra öffnete sich einmal ein Raum in meinem dritten Auge, ein orientalisch anmutender Palast, in dem wir befreit miteinander tanzten. In einer weiteren geführten Meditation zur Erweckung von Selbstmitgefühl zerfloss sie am Schluss zu Goldstaub, der von meinem Herzen aufgenommen wurde. Die Möglichkeiten, sich mithilfe von Imagination zu verbinden, sind sicherlich unerschöpflich.

    Ein weiterer Weg war für mich, in einem luziden Traum um eine Begegnung mit ihr zu bitten. Das endete zwar in einem luziden Alptraum, da ich in ihr eine wahnsinnige Version meiner selbst sah, die wirklich nackte Angst in mir auslöste, in der ich noch den ganzen Folgetag weiterbadete – im Zuge des Integrationsprozesses und des Raumgebens dieser Angst wurde mir allerdings klar, dass ich, die ja nie vor irgendetwas Angst hat und allein reist, allein in den Wald geht, allein auf dem Kiez unterwegs ist, wie jeder andere auch doch vor irgendwas Angst fühlen müsste! Und mir wurde klar, dass ich sie, wie so vieles in meiner Psyche, komplett dissoziiert und outgesourced habe.

    In einem Prozess des luziden Schreibens verband ich mich mit meiner ausgewählten Projektionsfläche – und verdanke meiner Schwester also nun auch diese wichtige Erkenntnis.

    Ein weiterer hilfreicher Schritt war ein Bild zu erhalten, das uns beide im Idealzustand zeigt. Danke nochmal, Oliver Brandt, für die zauberhafte Darstellung von uns beiden. Du hast sofort verstanden, was ich meinte, als ich Dich darum bat. Die Verbundenheit ist sichtbar da. Ich kann sie spüren. So hätte es sein sollen. Und das ist so heilsam und schön zu sehen.

    Britta Weinbrandt - Mein verlorener Zwilling

    Was verändert sich?

    Eine für mich sehr deutliche Veränderung ist – auch, wenn ich mich blendend fühle: Ich kriege nichts mehr gebacken. Mein Leben ist irgendwie zu groß für mich geworden. Fraglos habe ich mein Leben lang für zwei gearbeitet, habe Tag und Nacht gearbeitet, habe neben drei freiberuflichen Standbeinen (eines davon in Vollzeit) sogar noch ein Ehrenamt angenommen. Fraglos habe ich mich nebenher immer weitergebildet und mich auf dem neuesten Stand gehalten. Über die Idee einer 40 Stunden Woche lache ich schallend. Das wäre ja wie Urlaub.

    Wie habe ich das gemacht? Warum habe ich das gemacht?

    Abgesehen davon, dass es für mich gut ist, mein Zuviel an Energie irgendwie sinnvoll zu kanalisieren und dass ich von meinem Wissen lebe: Es gibt keinen Pausenknopf bei mir. Und jetzt spüre ich es zum ersten Mal wirklich. Ich brauche eine Pause. Ich sehe mich außerstande, weiter zu funktionieren. Auch das hat sie mir geschenkt.

    Eine weitere Sache lässt mir einfach keine Ruhe. Das ist die Theorie, dass ein Zwilling die linear-konvergente Nische besetzt und der andere die kreativ-divergente. Und dass sie, wenn sie zusammen sind, sich gegenseitig das Feld des anderen eröffnen. Was im Umkehrschluss erklärt, warum ich mathematisch-naturwissenschaftlich echt grenzdebil bin und alles, wirklich alles, sprachlich kompensieren muss. Das ganze Feld erschließt sich mir einfach nicht, oder nur blitzartig und dann kann ich es danach nie wieder abrufen. Ich habe mich immer strohdumm gefühlt. Diese Theorie, so schräg ich sie finde, bezaubert mich sehr. Maria ist also die Mathematikerin unter uns und hat das Wissen einfach mitgenommen. Wie mich das entlastet! Ich lerne ja gerade Magie in meinem Leben zuzulassen – also kann ich mir das Feld vielleicht zurückerobern! Wie genial wäre das???

    Warum weiß kaum jemand, dass es verlorene Zwillinge gibt?

    Auch wenn Mütter in den allerseltensten Fällen von den verlorenen Zwillingen ihrer Kinder ahnen können, es soll je nach Literatur bis zu 70 Prozent der Schwangerschaften betreffen. Und kaum jemand weiß es – und vor allem nicht, welche Auswirkungen es auf die Geborenen hat.

    Meine Mutter habe ich danach gefragt, bevor ich zum ersten Mal darüber geschrieben habe – sie wusste es nicht. Das ist in den meisten Fällen wohl so. Ich kann es also nicht beweisen. Aber es fühlt sich so unfassbar richtig an. Es stimmt für mich.

    Die Bücher, die ich inzwischen zu dem Thema gelesen habe, erklären, dass die meisten Abgänge im ersten Trimester geschehen. Da die Pränataldiagnostik in Deutschland erst später beginnt, bleibt es meist unentdeckt und der verstorbene Fötus wird von der Plazenta des Überlebenden aufgenommen. Manchmal wird er auch im Körper verarbeitet, dann kann man den Zwilling als Fremdkörper erkennen.

    Für die Zurückbleibenden ist es ein ozeanisches Gefühl der Zeitlosigkeit, das sind gefühlte Äonen. Daher wirkt es so stark auf die Psyche.

    Ich hatte mit meinem expressiven Leben Glück – viele entwickeln unerklärliche Ängste vor dem Tod, da sie so lang mit ihm gelebt haben. Ich bin eher angezogen davon. Es gibt immer wieder Menschen in meinem Berufsleben, die gehen können, nachdem ich bei ihnen war, deren letzte Begegnung ich war. Ich strahle etwas aus, das sie loslassen lässt.

    Alle meine Symptome sind in den Büchern beschrieben

    Eine solche Liste (die zum Glück nicht komplett auf mich zutrifft, aber schon erschreckend bekannt klingt), stammt aus „Der allein gebliebene Zwilling“ von Peter Bourquin und Carmen Cortés.

    • Ich habe keinen Platz in meinem Leben
    • Ich verspüre ständig Angst
    • Ich sollte nicht hier sein
    • Niemand sieht mich wirklich
    • Es gibt keine Sicherheit, jederzeit kann etwas Schlimmes passieren
    • Ich bin traurig
    • Ich fühle mich einsam
    • Es fehlt mir etwas oder jemand
    • Ich habe meiner Mutter wehgetan und traue mich deshalb nicht, ihr zu nahe zu kommen.
    • Ich fühle mich schuldig
    • Ich muss mir das Recht zu Leben verdienen

    Eine sehr viel detailliertere Zusammenstellung, als Selbsttest gedacht, fand ich auf der Seite von Annett Petra Breithaupt. Hier wird der Zusammenhang zur Hochsensitivität noch einmal so richtig verdeutlicht:

    „Mögliche Auswirkungen auf Beziehungen

    • Ich muss viel tun, um eine erfüllte Beziehung zu haben
    • Ich werde immer allein sein
    • Nur mit dem/der Einen kann ich wirklich glücklich werden
    • Ich muss ständig mit jemanden zusammen sein
    • Ich kann nicht vertrauen, muss aufpassen, dass der/die Andere da bleibt
    • Ich muss den/die Andere retten, gesund machen, erfolgreiche machen, nur dann kann Liebe entstehen

    Einsamkeit, unstillbare Sehnsucht und das Bedürfnis nach symbolischer Verschmelzung (die gut gelebte Sexualität zwischen Erwachsenen fast unmöglich macht) kreieren unerfüllte Liebesbeziehungen, ebenso wie die ständige Angst vor Verlust, das nicht Aushalten können von wirklicher Nähe und sich nicht Einlassen können auf tiefe Bindung. Unerklärliche Schuldgefühle, retten und erhalten wollen um jeden Preis, übergroße Ängste vor Veränderungen. Solange das Trauma noch aktiv ist, bestimmt es oft die Partnerwahl.

    Mögliche Auswirkungen auf den Beruf

    • Ich muss für zwei/drei arbeiten – daraus resultiert Dauerüberforderung
    • Ich schaffe es nicht
    • Ich muss alles allein machen, kann nicht delegieren
    • Ich habe Angst vor dem Ende des Projekts, was kommt dann, Leere? Deshalb beende ich es lieber nicht
    • Ich darf nicht wirklich erfolgreich sein, wenn du nicht leben darfst

    Nicht selten wird der falsche Beruf gewählt (der, der mehr dem Potential des gegangenen Zwillings entspricht), so wird es immer anstrengend und erfolglos sein.

    Mögliche Auswirkungen auf die Finanzen

    • Ich darf nichts haben, weil der/die Andere ja nicht leben darf
    • Mir darf es nicht gut gehen, weil der Schmerz um den Verlust so groß ist

    Viel Geld in die Rettung und Erhaltung anderer stecken. Das können auch Projekte, Häuser, Autos, technische Geräte, Haustiere oder Besitz sein, der eigentlich nicht mehr wirklich zur aktuellen Lebenssituation passt. Es entsteht die Neigung alles doppelt zu kaufen.

    Mögliche Auswirkungen auf die Wohnsituation

    • Mir darf es nicht gut gehen (man lebt mit kaputten Dingen in einer unschönen Umgebung)
    • Ich habe keinen Raum
    • Ich darf mich nicht schützen
    • Ich kann nichts wegschmeißen

    Viele Betroffene haben auch zwei und mehr Wohnungen, zwischen denen sie ständig pendeln und immer mit Umzugskisten und Koffern leben.

    Schwierigkeiten, die eigene Identität zu finden

    • Wie es allein weiter geht
    • Ich kann mich nicht richtig abgrenzen, mir geht alles so nahe
    • Ich weiß immer, was mit Anderen los ist
    • Was ist wirklich meins? (Vor allem im Fühlen)
    • Was passt zu mir? (z.B. meine Kleidung, mein Lebensstil, meine sexuelle Identität)

    Verfolge ich meine Projekte oder meine Idee von jemand Anderem ohne es zu merken?

    Körperliche Auswirkungen

    • Ich bin immer zu schwach, zu kraftlos, zu antriebslos
    • Ich spüre mich nicht richtig, nur über große Reize
    • Ich bin nicht richtig bei mir, gehe ständig über meine Grenzen (z.B. zu viel Sport, zu viel Essen etc.)
    • Ich nähre mich nicht richtig (nutze mir zur Verfügung stehende Ressourcen nicht wirklich)

    Symptome betreffen oft die paarigen Organe (z.B. Augen, Schilddrüsen, Brust, Nieren) und die Körperbereiche, die sich beim Embryo gerade entwickelt haben, als der Bruder/die Schwester ging. Autoimmunerkrankungen zeigen den inneren Konflikt „ich will leben, will (darf) nicht leben“ am deutlichsten. Das Geschehen im Mutterleib, war für den Überlebenden eine real lebensbedrohliche Situation, da beim Verlust des Zwillings die Schwangerschaftshormone der Mutter sehr stark abgefallen sind, so gehen auch später viele gewünschte Lebensveränderungen mit starken Körperreaktionen einher, bis hin zu Panikattacken.“

    Wenn man um das Phänomen weiß, liegt es offenbar klar auf der Hand. Ich habe nach meinem Outing von einer guten Freundin die Rückmeldung bekommen, dass sie, seit sie mich kennt, dachte, ich könnte einen verlorenen Zwilling haben. Alles, was ich so über mich erzählte, hatte sie daran erinnert. Sie hat es aber nie laut ausgesprochen.

    Wie denn auch? Erst nachdem ich es wusste.

    Das hat mich sehr umgehauen.

    Ich möchte also wirklich gern dazu beitragen, dass das Thema bekannter wird. Unter anderem werde ich gerade bei Isa-Bianka und Julian Mack zum IOSA-Practitioner ausgebildet, um die Integralen Organisations-Strukturaufstellungen zu durchdringen. Ich muss wissen, wie das funktioniert! Im Zuge meiner integralen Coachingausbildung entstand mein Selbstheilungskurs „Umarme Deine Symptome …und aktiviere Deine Selbstheilungskräfte“, in den ich alle meine Erfahrungen fließen lasse.

    Ein möglicher Weg, herauszukriegen, ob man ebenfalls betroffen ist, ist also, es in einer Aufstellung zu erkennen. Und da kommt es wohl recht häufig vor, dass verlorene Zwillinge auftauchen. Es ist ja schon bekannt, wie bedeutsam ungeborene oder verstorbene Geschwister sind – ein weiteres verwandtes Phänomen.

    Ansonsten verlasse ich mich beim Erkennen, ob ich von einem Thema betroffen bin, ganz darauf, dass mein Körper sowas besser weiß als ich. Nachdem ich bei Bessel van der Kolk über eine Frau gelesen hatte, die während einer Narkose aufgewacht war, durchlebte mein System eine gefühlte halbseitige Lähmung und brachte mir die Erinnerung ins Bewusstsein, dass ich als Kind dasselbe erlebt hatte (noch ein Trauma, mit fünf Jahren von einer Mandeloperation mitgebracht!).

    Wenn ich nicht von diesem Körpererfahrungsspeicher und intrinsischen Körperwissen überzeugt wäre, würde dieser Artikel, mit dem ich Menschen, die es von sich nicht wissen, überhaupt erst darauf aufmerksam machen möchte, wenig Sinn machen. Ich denke, die Resonanz, die das Lesen im Körper erzeugt, wird zu der Erkenntnis führen, ob es ein Thema ist, das sich weiterzuverfolgen lohnt – oder nicht.

    Es ist wohl wie bei den meisten Blockaden. Wenn man sie benennen kann, sind sie schon fast integriert!

    Ich habe durch meine Begegnung mit Maria unglaublich viel gewonnen.

    Aussteigen aus dem negativen Gedankenkarussell

    Wie ich hinderliche Glaubenssätze umwandele und Gefühle kläre


    Hochsensitiv zu sein bedeutet, einen intensiven Zugang zur Welt zu haben. Reize werden oftmals stärker wahrgenommen und brauchen länger, um verarbeitet zu werden. Die feinfühlige Sinneswahrnehmung für die Umgebung geht einher mit einer reichen Innenwelt, einer blühenden Gefühls- und Gedankenwelt. Dies kann ein hohes Potential bergen, sich positiv weiter zu entwickeln, empathisch für die Bedürfnisse anderer zu sein und sich selbst sehr gut zu kennen – ein Thema, dem ich mich in meinem Artikel über Hochsensitivität widme.

    Oft ist jedoch das genaue Gegenteil der Fall. Eine Reizüberflutung führt zu einem Rückzug. Und anstatt dass man dann etwas Gutes für sich tut und seine Reserven wieder auftankt, geht es los mit den Selbstvorwürfen.

    Je länger ich mich mit dem Thema Hochsensitivität beschäftige, desto deutlicher wird mir, was die Menschen, die ihre Feinfühligkeit grundsätzlich als positive Stärke bewerten von denen unterscheidet, die unter ihr leiden. Es ist das negative Gedankenkarussell, in das wir uns selbst stecken.

    Niemand tut anderen etwas Schlimmeres an, als eine perfektionistisch veranlagte hochsensitive Person sich selbst

    Bevor Hochsensitive sich mit anderen austauschen, steht das Resultat in ihren Köpfen oftmals schon fest. Ich wurde kürzlich konfrontiert mit so heftigen Zuschreibungen wie „Du wirst derartige Dinge vermutlich nicht akzeptieren können und für Dich verhöhnen…“ oder zweifelnden Fragen nach einem angenehmen und offenen Gespräch wie „Habe ich Dich verschreckt?“ Dabei bestand in diesen Aussagen kein Zusammenhang zu mir und meiner Welt. Ich fühlte mich jeweils nicht einmal wirklich angesprochen. Ich kann guten Gewissens sagen, niemals jemanden verhöhnt zu haben. Ich gerate ebenso selten aus der Fassung. Ich konnte also nicht gemeint sein. Es fand alles nur in den Köpfen meiner Gesprächspartnerinnen statt.


    Hätte mich einen Tag vor diesen Äußerungen jemand gefragt, ob ich negative Glaubenssätze auflösen kann, hätte ich dies verneint. Als Expertin für vorwegnehmende Selbstkritik bringe ich ein immenses Insiderwissen mit…. aber Wege aus der Selbstzerfleischung aufzuzeigen? Wie denn?

    Als ich dann die Ursache der Problematik erkannte, wurde mir klar, dass ich mich im Grunde mein gesamtes Erwachsenenleben mit genau diesem Thema beschäftige. Mir fielen plötzlich unglaublich viele Interventionsmöglichkeiten ein, die ich kenne und sogar ausprobiert habe, um mein eigenes Gedanken- und Gefühlskarussell zu stoppen. Daraus entsprang spontan die Idee, darüber zu schreiben. Inzwischen habe ich für die Interessierten sogar einen weiteren Artikel über die typischen Lebensfallen unserer Kindheitsmuster, die Schemata nach Jeffrey Young, veröffentlicht.
                                                                                                              
    Ich fragte auch andere hochsensitiv Veranlagte. Viele berichten darüber hinaus, dass sie sich durch ihre differenzierte körperliche Wahrnehmung in Vorstellungen von möglicherweise existierenden Krankheiten hineinsteigern. Eine Weiterführung davon stellt der mir mehrfach beschriebene Zeitvertreib dar, sich für seine Lieben alle möglichen Todesarten vorzustellen. Ich erfuhr kreative und phantasievolle Versionen von Worst Case Scenarios. Unvergessen sind die Äußerungen unseres damals sechsjährigen Sohnes um seinen ersten Flug herum:

    Vor dem Flug: „Papa, wenn es im Flugzeug gebrannt hat, dann rufen wir dich an.“
    Während des Fluges: „Wenn wir abstürzen, dann mit der Schnauze zuerst, nicht nach hinten.“
    Etwas später: „Ich habe Angst, ich will jetzt sofort zurück zu Papa.“
    Bei der Landung: „Mama, das kann auch passieren, dass die Bremsen nicht gehen, dann fahren wir weiter und irgendwann knallen wir wo gegen.“
    Nach der Landung: „So Mama, und jetzt steige ich nie wieder in ein Flugzeug!“
    (es war nur der HINflug…)

    Immer wieder höre ich Variationen von „Ich kann das nicht“ – und durfte den Gipfel einer solch strengen Selbstbewertung erleben, als ein hochbegabter Junge im Vorschulalter das von ihm noch gar nicht angefangene Bild bereits wütend zerknüllte. Dieses zerfurchte leere Blatt bewahre ich seit Jahren auf. Es ermahnt mich, positiv zu denken.

    Ich selbst kann allerdings auch nächtelang damit zubringen, passende Formulierungen und Entgegnungen zu finden für längst vergangene Momente und Begegnungen, in denen ich sie gebraucht hätte.

    Viele unserer negativen Gedanken und Überzeugungen stammen aus unserer Kindheit. Nicht alle hatten wir liebevolle Eltern. Nicht selten beschreiben mir hochsensitive Personen, dass sie nicht gewollt wurden und dass ihnen das von ihren Eltern auch freimütig und unschön übermittelt wurde. Und natürlich macht es das nicht einfacher, diesen Überzeugungen, nicht richtig zu sein, zu entkommen. Allerdings ist es möglich. 

    Ich selbst hatte ein Thema mit negativen Gefühlen, die ich sehr lange nicht als die positive Kraftquelle und Grenzenanzeiger erkannt habe, die sie sind. Früher erlebte ich sie einfach nur als Bedrohung und entfernte mich davon, im Außen wie im Innen. Ich musste erst lernen, sie als Teil von mir anzuerkennen, der mir einen Veränderungswunsch mitteilen möchte.  

    Mit meinem Projekt der Selbstzertifizierungen habe ich diesen Prozess bekräftigt.                             

    James T. Webb beschreibt in seinem Klassiker „Hochbegabte Kinder – Das große Handbuch für Eltern“, wie negative Selbstgespräche auch mit unpassendem Stressmanagement zusammenhängen und regt folgende Fragestellungen zur Selbstreflexion an:

    • Wenn etwas bei mir schiefläuft – mache ich dann daraus eine Katastrophe?
    • Reagiere ich übertrieben und rede mir danach ein, ich würde einfach nichts taugen?
    • Mache ich mir regelmäßig meine Gedanken bewusst und nutze sie, um nach vorn zu schauen?
    • Verlange ich von mir und anderen permanente Hochleistung und erzeuge damit zusätzlichen Druck? 
    • Lebe ich vor, wie ich angemessene Ventile für einen gesunden Perfektionismus finde und bestärke mich in meinen Anstrengungen?
    • Konzentriere ich mich auf Fehler oder messe ich Erfolgen ebenso viel Bedeutung bei?
    • Erkenne ich Anstrengung und Erfolge an?
    • Spreche ich über meine Stärken oder eher über die Schwächen? 

    Wir sind dabei also auch Vorbild für unsere Kinder. Jean Piaget erkennt bereits im Sprachgebrauch von Kindern das Phänomen der „egozentrischen Sprache“. Egozentrische Sprache sei nicht-kommunikativ, wiederholend und selbstbezogen. Dieser Monolog dient einerseits als eingesetzte Wortmagie der Wunscherfüllung einer Handlung, die das Kind nicht auszuführen vermag. Andererseits kann sein, dass das Kind das Wort noch nicht von der Handlung unterscheiden kann.

    Erst das kommunikative Sprechen ist „sozialisiert“ und dient der Aufnahme von Beziehungen. Wir lernen also zuerst, mit uns selbst zu sprechen, bevor wir mit anderen sprechen. Webb schlägt daher vor, nicht nur darüber zu kommunizieren, was man am Tag so erlebt und was man dabei empfunden hat, sondern das Augenmerk ebenso darauf zu richten, was man darüber gedacht und zu sich selbst darüber gesagt hat. Denn das beeinflusst unser Verhalten und unsere Reaktionen auf Dinge, die uns geschehen, mehr als alles andere. 

    Was steckt hinter dem negativen Gedankenkarussell?

    Robert B. Dilts beschreibt in seinem Werk über die Auflösung von Glaubenssätzen „Die Magie der Sprache“, dass die am häufigsten auftretenden einschränkenden Überzeugungsmuster, die einen Einfluss auf die geistige und körperliche Gesundheit eines Menschen haben, die Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit und Wertlosigkeit sind.

    • Hoffnungslosigkeit, dass mein gesetztes Ziel definitiv unerreichbar ist. „Es ist nicht zu schaffen.“ Es ist das klassische Opferdenken.
    • Hilflosigkeit, dass ich zwar sehe, wie andere mein Wunschziel erreichen können, es mir jedoch verwehrt ist. „Ich kann es nicht schaffen.“ Es ist die typische Auffassung von jemandem, der denkt, nicht gut genug zu sein. Häufig genug sind das Menschen, die glauben, dass sie „schon alles ausprobiert“ haben. Umsonst.
    • Wertlosigkeit, weil ich es gar nicht verdiene, mein Ziel zu erreichen. „Ich bin es nicht wert.“ Es ist Ausdruck des gefühlten Hochstaplersyndroms. Es liegt häufig so tief im Verborgenen, dass es uns nicht bewusst ist. Es sind die klassischen Selbstsaboteure.                             

    Bevor ich über meine persönlichen Methoden berichte, wie ich aus dem negativen Gedankenkarussell aussteige, ist es sinnvoll, folgende hilfreiche Vorannahmen und Theorien über die Möglichkeiten der Steuerung von Gedanken und Gefühlen an sich voranzustellen:

    Hilfreiche Vorannahmen über das, was ich in meinem Leben beeinflussen kann

    Einmal möchte ich es in Gedichtform sagen  (auch wenn es schon fast 20 Jahre her ist, dass ich es schrieb):

    – Tief eingegraben in mir
    dachte ich wären
    Schmerz
    Angst
    Traurigkeit
    Doch sie sind nur
    auf das geworfen
    was wirklich in mir ist
    Freude und Lachen

    Und nun ein wenig ausformulierter:

    • In meinem Kern bin ich richtig.
    • Ein Gefühl, dem ich Raum gebe, es annehme und bewusst erlebe, anstatt es zu unterdrücken, verliert seine Bedrohung.
    • Jedes Gefühl, das ich in mir wahrnehme, erhält erst eine Bedeutung, wenn ich es mit meinem Gedankensystem bewerte. Ich kann mich mit dem Problem   identifizieren oder ich kann es lösen, indem ich es von außen auf einer Metaebene betrachte. Ich entscheide, wie ich reagiere.
    • Ich habe die Fähigkeit, mein Leben aktiv und handelnd zu gestalten. Ich habe es in der Hand, meine Intuition (meine Emotionen), die aus meinen kindlichen Prägungen entspringt, begründet und bewusst mit meinem Wissen und meinen Erfahrungen (meinen Gedanken und Bewertungen) zu verknüpfen und zu integrieren. Das ist meine Freiheit.
    • Negative Gedanken sind veränderbar. Ich zitiere Dilts: Durch Reframing (Umdeutung) können alle einschränkenden Überzeugungen in solche umgewandelt werden, die Hoffnung auf die Zukunft beinhalten, außerdem ein Gefühl der eigenen Fähigkeit und Verantwortung und ein Gefühl des eigenen Wertes und der Zugehörigkeit.
    • Die Welt ist mein Spiegel. Ein Konflikt, auf den ich mich emotional einlasse, deutet auf ein Gedankenkarussell hin, das sich auflösen möchte. Ein von mir verdrängter Anteil, ein Schatten, möchte integriert werden. Dafür kann ich mich aktiv entscheiden.
    • Der Schlüssel zur Wahrnehmung ist mein Körperempfinden. Jedes Gefühl, jeder Gedanke spiegelt sich in meinem Körper wider und kann dort bewusst von mir aufgesucht, erlebt und angenommen werden.

    Ich denke, es wird bereits deutlich, dass ich neben dem kognitiven Bereich der Sprache auch den physischen Bereich der Emotionen und des Körpers als ebenso wichtig betrachte. Mein Zugang zur Lösung geht daher auch über den Körper. Das möchte ich als nächstes begründen.

    Wie mein Körper mit meinen Gedanken und Gefühlen zusammenhängt

    Ich möchte hierfür ein möglichst einfaches Modell zur Hilfe nehmen. Alexander Lowens „Bioenergetik“ stellt anhand von Bewusstseinsstufen das Wachstum und die Entwicklung der Persönlichkeit dar. Von Stufe zu Stufe gewinnt sie dabei an Schärfe und Unterscheidungskraft:

    • Körperliche Prozesse stellen dabei die unterste Stufe dar, entsprechend dem körperlichen Fühlen eines Kleinkindes, das Herzschlag und Atmung wahrnimmt und unbewusst reagiert.
    • Auf der nächsten Stufe werden bereits spezifische Emotionen wahrgenommen und identifiziert, welches die Wahrnehmung und Bezugsetzung zu einer Außenwelt voraussetzt.
    • Mit wachsender Bewusstheit der sozialen Welt und dem Spracherwerb setzt das Denken ein.
    • Bewusstes und objektives Denken führt zum Bewusstsein des Ichs. Auf dieser Ebene kann bewusst über ein Verhalten entschieden werden.
    • Hieraus entwickelt sich ebenfalls die Metaebene, in der man sich gleichzeitig über das eigene Denken bewusst wird, über das eigene Subjekt- und Objektsein.
    Britta Weinbrandt - Körperarbeit

    Lowen unterscheidet Menschen, die eher im Kopf-Bewusstsein mit ihren Gedanken und Vorstellungen, der „Idee des Fühlens“ unterwegs sind. Er sieht in deren Gegenpol Menschen mit Körper-Bewusstsein. Sie halten engen Kontakt zu dem Kind, das sie einmal waren und wissen, was und an welcher Stelle des Körpers sie etwas fühlen. Gleichzeitig könnten sie sagen, was andere fühlen und wie diese Gefühle an deren Körpern abgelesen werden könnten. Sie sind empathisch.

    Erst über das Körper-Bewusstsein nähert die Bioenergetik sich dem Unbewussten, zu dem das Kopf- oder Ich-Bewusstsein keinen Zugang haben. Das Ziel besteht jedoch nicht darin, das Unbewusste ins Bewusstsein zu rücken, sondern es als Kraftquelle und als Stärke zu nutzen, es vertrauter und weniger furchterregend zu machen.
                                                                                                      
    Auch Riedener Nussbaum und Storch, die sich mit Selbstmanagement beschäftigen, sehen einen deutlichen Zusammenhang zwischen dem Körper-Selbst und dem Unbewussten. Das Unbewusste wird von ihnen als anpassungsfähig beschrieben, da es nicht nur angeboren ist, sondern sich durch neu erworbene Elemente in ständiger Veränderung befindet. Das Körper-Selbst dient dabei als Erfahrungsspeicher. Dadurch lässt sich begründen, wie die im emotionalen Erfahrungsgedächtnis ständig stattfindenden Bewertungsprozesse ihren körperlichen Ausdruck finden. Sie nennen sie „somatische Marker“. Diese wiederum lassen auf ein Körperwissen unterhalb der Bewusstseinsschwelle schließen, das z.B. in manchen Entscheidungsprozessen zu intrinsisch motivierten Zielsetzungen mit hoher Erfolgsaussicht verhelfen kann. Auf dieser Grundlage haben sie das Zürcher Ressourcenmodell entwickelt.

    Safi Nidiaye beschreibt vier Emotionsschichten. Wenn an der Oberfläche eine negative Emotion wie Ärger oder Stress wahrnehmbar ist, so kann das tieferliegende Gefühl darunter ein verdrängter Schmerz sein, der uns z.B. in unsere Kindheit zurück katapultiert. Ich fühle mich dann abgelehnt, alleingelassen, ungerecht behandelt – ohne dass das mit der akuten Situation irgend etwas zu tun hätte. Wenn ich von dort weiter forsche, ist darin häufig ein Wunsch versteckt, von dem ich gerade abgetrennt bin. Diese verborgene Sehnsucht nach dem Gegenteil dessen, was ich gerade fühle, kann bedeuten, dass ich geliebt, gesehen und angenommen werden möchte, wie ich bin. Und darin ist dann oft in der am tiefsten gelegenen Schicht wiederum ein schönes Gefühl zu entdecken, z.B. Sicherheit und Glück.                                                                              

    Was macht ein gutes Leben aus?

    Nach Adler und Fagley zeige ich ein annehmendes und wertschätzendes Leben wie folgt:

    • mich auf das zu besinnen, was ich habe – und nicht auf das, was mir fehlt
    • Ehrfurcht
    • Rituale aufzubauen, in denen ich meine Erfolge feiere
    • mich auf das Hier und Jetzt zu besinnen
    • Vergleiche anzustellen (aber nur, wenn ich heute im Vergleich zu vorher oder in Bezug auf andere besser da stehe – Vergleiche nach unten sind hilfreich, Vergleiche nach oben nicht)
    • Dankbarkeit
    • Das Gute oder die Entwicklungsschance in einem Verlust oder etwas Schlechtem zu sehen, das mir passiert 
    • gute Beziehungen zu anderen Menschen

    Hier geht es sowohl um Mechanismen, wie ich mit schlechten Begebenheiten umgehen kann, als auch um das Gute im Leben. Fred B. Bryant und Joseph Veroff erforschen in ihrem Buch „Savoring – A New Model of Positive Experience“ die Fähigkeit, im Hier und Jetzt zu sein und das Leben zu genießen und setzen somit den Copingstrategien, die sich mit dem reinen Überleben beschäftigen, eine positive Psychologie entgegen.                                                                                    

    • Wie nehme ich einen schönen Moment wahr und konserviere ihn bewusst?
    • Wie lerne ich, ein mir innewohnendes Gefühl mit innerem Gewahrsein zu betrachten?
    • Was kann ich tun, um mich gut zu fühlen?                                                                                             
    • Wie betrachte ich aus dem Moment heraus meine Vergangenheit und Zukunft? 
    • Mit wem kann ich meine positiven Erfahrungen teilen und dadurch multiplizieren?                

    Sie fanden jedoch bei ihrer Forschung einen Spielverderber schöner Momente oder Erinnerungen, den ich das negative Gedankenkarussell nenne. Depressive Verstimmungen und ein geringes Selbstwertgefühl sind bei solchen Denkmustern häufig mitgebucht:

    • Ich erzähle mir, warum ich das Gute nicht verdient habe
    • Ich freue mich nicht und überlege, wie es noch besser hätte sein können
    • Ich verschließe mich innerlich und gehe so aus der Situation
    • Ich rede mir ein, dass ich nicht so gut bin, wie ich gehofft hatte
    • Ich denke an all die Dinge, die ich erledigen müsste und/oder all die Orte, an denen ich jetzt eher sein sollte
    • Ich denke an aufgeschobene Probleme und Sorgen, mit denen ich mich längst hätte auseinandersetzen müssen
    • Ich denke an etwas, das mich Schuld fühlen lässt     

    Im Positiven kristallisierten sich verschiedene Verlaufsformen des Genießens heraus, die sich auf das Innenleben oder die Außenwelt, auf die Gedanken oder den Grad der Versunkenheit (experiential absorption) beziehen können:

    • Dankbarkeit ausdrücken (kognitiver Vorgang, auf die Außenwelt bezogen)
    • Staunen (z.B. über ein Naturereignis im Außen, von dem ich völlig absorbiert bin)
    • in Stolz/Erfolg baden (kognitiver Vorgang, auf die Innenwelt bezogen)
    • in Genuss schwelgen (sich selbst etwas Gutes tun, z.B. ein Bad einlassen, und darin versinken)
    • Zugehörigkeit fühlen (zu einer Gruppe)     

    Neun von ihnen aufgezeigte positive Wege, das Leben zu genießen, sind

    • das Teilen und der Austausch mit anderen
    • der bewusste Aufbau und die Speicherung von Erinnerungen (z.B. durch Innehalten)
    • die Fähigkeit, sich selbst zu gratulieren und schöne Momente zu feiern
    • das Schärfen der sinnlichen Wahrnehmung (z.B. durch Fokussieren)
    • das Vergleichen mit anderen schönen Situationen
    • das Aufgehen/Versinken im Moment
    • das Zeigen und körperliche Ausleben von positiven Emotionen
    • das Bewusstsein einer besonderen Zeitqualität (z.B. „Das passiert mir nur einmal im Leben!“)
    • Dankbarkeit – als Fähigkeit, das Gute im Leben zu sehen (counting blessings)

    Wie kann ich eine positive Erwartungshaltung gewinnen?                         

    Eng verbunden mit der Fähigkeit, das Gute zu sehen und zu feiern, sich darüber mit anderen auszutauschen ist die eigene Erwartungshaltung in Bezug auf die Wahrscheinlichkeit, dass mir solche guten Dinge überhaupt passieren. Wie viel gefühlte Kontrolle besitze ich über mein Leben?  Wie deckungsgleich ist dieses Gefühl mit meiner wahren Macht, die ich über meinen persönlichen Spielraum habe? Je mehr ich an das Gute in meinem Leben glaube, desto häufiger werde ich gute Momente erleben.
                                                                                                         
    Effektive Wege, um das Leben mehr zu genießen, sind nach Bryant und Veroff

    • Unterstützung durch andere
    • Kreatives Schreiben (über meine Erfahrungen)
    • Imagination (positiver Ausgänge)
    • Humor
    • Spiritualität/Religion
    • Entwicklungsorientierung (die Erkenntnis, dass auch negative Dinge vorbeigehen)

    Mögliche Wege, aus dem Gedankenkarussell auszusteigen

    So weit die Theorie.

    Ich fasse zusammen, was ich daraus ableite:

    • In den Körper hineinzuspüren ist der einfachste Zugang, um mich auf allen Ebenen zu verändern.
       
    • Die emotionale Ebene kann mir zur Aufgabenstellung dienen. Indem ich wahrnehme, welche Gefühle mich triggern, weiß ich, an welcher Stelle ich ansetzen kann, um das Gedankenkarussell bewusst anzuhalten.
                                                                                                           
    • Auf der Ebene des Denkens kann ich die inneren Glaubenssätze anschauen, die mein Gedankenkarussell befeuern – und sie durch andere, stimmigere ersetzen.
            
    • Auf der Ebene des Ich-Bewusstseins geht es darum, konkret das gezeigte Verhalten zu ändern. Hier sehe ich insbesondere der Austausch mit anderen angesprochen, meine Art zu kommunizieren.
           
    • Um destruktive innere Stimmen abzustellen, scheint es hilfreich zu sein, diese Stimmen direkt zu Wort kommen zu lassen und einen Inneren Zeugen zu etablieren. Das wäre dann die kognitive Metaebene, mit Hilfe der Sprache.

    Das Wissen um eine Problematik kann allein noch nichts zur Lösung beitragen. Im Gegenteil: „Wir benutzen Worte oft, um nichts zu ändern“, stellte bereits Alexander Lowen fest. Also stelle ich im Anschluss eine kleine Auswahl meiner Lieblingsübungen vor und lade ein, einfach mal mit einer, die spontan sympathisch wirkt, anzufangen. Dawna Markova stellt in „Die Versöhnung mit dem Inneren Feind“ deutlich, wie individuell die Lösungs- und Heilungswege sind und dass es nicht um programmierte Lösungen gehen kann. Daher ordne ich sie den verschiedenen Zugangsebenen zu.

    Körperorientierte Lösungshilfen

    Wichtig ist bei allen körperorientierten Methoden, dass ich nichts an mir verändern will oder muss. Ich beobachte und nehme wahr. Ich spüre. Ich bringe mich ohne etwas zu bewerten ins Hier und Jetzt. Mehr braucht es nicht.

    • Meditation – in der ich den inneren Dialog so unbeteiligt wie möglich einfach nur betrachte

    Yoga – und alles, was mich in die Atmung bringt

    Bodyscan. Zum Beispiel diesen hier:

    • Problemhaltung – Lösungshaltung.

    Olaf Jacobsen zitiert in „Ich stehe nicht mehr zur Verfügung“ diese Übung von Klaus Mücke.

    Ausgehend von einem Problem nehme ich eine dazu passende Körperhaltung ein und atme bewusst hinein. Dabei beobachte die Gedanken, die in mir auftauchen.

    Ich stelle mir nun vor, wie es sich anfühlen würde, wenn mein Problem wie durch ein Wunder gelöst wäre und nehme eine neue Körperhaltung ein, die diese Lösung ausdrückt. In der neuen Körperhaltung lerne ich die freie, tiefe Atmung und neue angenehme innere Sätze kennen.

    Ich wechsele immer wieder langsam zurück von der einen Haltung in die andere. Ich trainiere den Bewegungsablauf und speichere ihn in meinem Körper ab.

    Wenn das Problem im Alltag irgendwann wieder auftaucht, kann ich mich leichter an die Lösung erinnern und in die Lösungshaltung wechseln.

    Gefühlsorientierte Lösungshilfen

    Diese Methoden sind die machtvollsten Instrumente, die ich kenne, und ich nutze sie regelmäßig. Damit kann ich negative Gefühle und Gedanken transformieren und gleichzeitig meine Beziehungen zu den betreffenden Konfliktpartnern verbessern.

    • Körperzentrierte Herzensarbeit nach Safi Nidiaye

    Hier folgt eine Kurzversion:

    Über einen Konflikt oder ein Symptom mithilfe wahrnehmendem meditativen Atmen werde ich behutsam in Kontakt mit der Stelle in meinem Körper gebracht, in der sich das Ausgangsproblem manifestiert.

    Dadurch erscheint das darunterliegende Gefühl. In dieses atme ich weiter hinein und lasse es zu, nehme es an.

    Schließlich öffne ich mein Herz für dieses Gefühl, indem ich es frage, was es von mir braucht: Wahrgenommen werden, die Erlaubnis, dazusein, Anerkennung, Verständnis, Mitgefühl, Erbarmen, Achtung, Raum, als Gefühl und nicht als Tatsache wahrgenommen zu werden, gefühlt werden etc.

    Anschließend frage ich es, was es als nächsten Schritt von mir benötigt – und führe diesen Wunsch in der Folgezeit immer wieder aus, bis es sich gut anfühlt.

    Sehr hilfreich für empathische Hochsensitive, ist, dass es auch eine Möglichkeit gibt, Fremdgefühle wahrzunehmen und der betreffenden Person zurückzugeben.

    • 3-2-1- Schattenprozess nach Ken Wilber

    Es ist eine Schreibübung aus dem Buch „Integrale Lebenspraxis“.

    Auch hier beginne ich mit einer Person, die ich anziehend oder abstoßend finde, einem Traumbild oder einer Körperempfindung. Es geht dabei darum, meinen Schatten zu erkennen, meinen persönlichen Anteil an den Gefühlen, die etwas oder jemand triggert, und ihn zu integrieren.

    3 – sich damit konfrontieren                                                                                   
    Ich beschreibe das Problem und die Gefühle, die es in mir auslöst, in schillernden Farben und benutze dabei die dritte Person: Er, sie oder es regt mich maßlos auf, weil…

    2 – damit sprechen
    Ich spreche mein Problemobjekt in der zweiten Person mit Du an und stelle Fragen wie  „Wer/was bist du? Woher kommst du? Was willst du von mir? Was musst du mir sagen? Welches Geschenk hältst du für mich bereit?“ Dann formuliere ich eine spontane Antwort und lasse mich überraschen von den Dingen, die bei diesem Dialog herauskommen.

    1 – es sein
    In der ersten Person als Ich sehe und beschreibe ich die Welt, einschließlich meiner selbst, ganz aus der Perspektive dieser Störung, und erlaube mir zu spüren, dass ich wirklich ein- und der-/die-/dasselbe bin. Das fühlt sich natürlich fast immer ziemlich disharmonisch oder „falsch“ an, enthält zumindest einen wahren Kern. Schließlich erkenne ich meinen bislang unterdrückten, verleugneten und nicht gelebten Schatten. Ich verbinde mich mit ihm und integriere ihn.

    Teilnehmer meines Minikurses in Selbstzertifizierung kommen in den Genuss, sich eingehender mit diesem Prozess zu beschäftigen.

    Gedankenverändernde Lösungshilfen

    Methoden dieser Ebene zeigen mir einen Weg in die Selbstwirksamkeit und geben mir die Kontrolle über meine Gedanken und Gefühle zurück: Die Lösung des Problems liegt immer in mir.

    • Achtsamkeit
    • The Work nach Byron Katie

    Es gibt unzählige abgewandelte Formen dieser Intervention auf Gedankenebene. Diese habe ich „Eintausend Namen für Freude“ entnommen.

    Ich schreibe wieder auf, was mich an der Person, mit der ich ein Problem habe, ärgert:

    1. Wer macht mich ärgerlich, traurig oder enttäuscht mich und weshalb? Was mag ich an dieser Person nicht?                     

    2. Was will ich von ihr? Wie soll die Person sich für mich ändern?

    3. Was genau soll die Person denken oder fühlen, was soll sie für mich tun oder lassen? Wie sollte er/sie sein? Welchen Rat würde ich ihr gern geben?

    4. Brauche ich etwas von der Person? Was sollte er/sie für mich tun, damit ich glücklich bin?

    5. Was denke ich über sie? Ich zähle es kleinlich und streng auf.

    6. Was will ich mit dieser Person nie wieder erleben?

    Und jetzt kann ich diesen Erguss mit folgenden Fragen überprüfen:

    1. Stimmt das?

    2. Kann ich absolut sicher wissen, dass das stimmt?

    3. Wie reagiere ich auf diesen Gedanken?    

    4. Wer oder was wäre ich ohne diesen Gedanken? Und nun kehre ich diesen Gedanken um.
    Auch hier kehre ich nun alle Sätze, die ich über meinen Konfliktpartner geschrieben habe, so um, dass ich das er oder sie durch ein Ich ersetze. Oder ich behaupte einfach das Gegenteil. Es geht darum, kreative Alternativen zu meiner ursprünglichen Realität zu finden, die mir aufzeigen, dass ich mich jederzeit entscheiden kann, etwas anderes zu denken.

    • Dankbarkeit

    Das muss nicht mehr heißen, als dass ich mir abends drei Dinge aufschreibe, die mir heute gelungen sind, über die ich mich gefreut habe. Schön wäre noch, wenn ich mir dazu ins Gedächtnis rufen kann, was ich aktiv zu diesen schönen Momenten beigetragen habe.

    • Affirmationen     

    Derartige Bejahungen, Bekräftigungen drücken etwas, das ich mir wünsche, so aus, als wäre es jetzt schon geschehen. Sie sind immer positiv formuliert. Je kürzer sie sind, desto besser. Sie müssen zu mir passen. Sie haben nicht die Absicht, das das Alte zu verändern, sie nehmen die bestehende Situation an, anstatt gegen sie zu kämpfen. Sie lassen Neues entstehen. Ein empfehlenswertes Buch dazu ist „Stell dir vor – kreativ visualisieren“ von Shakti Gawain. Sie hat mich durch folgende Übung schließlich überzeugt, dass ich mit Affirmationen – nachdem ich z.B. mit denen nach Louise L.Hay nie viel anfangen konnte – tatsächlich arbeiten kann.

    Ich wähle eine Affirmation aus und schreibe sie 10-20mal hintereinander auf, wobei ich meinen Namen einsetze und jeweils in der ersten, zweiten und dritten Person den gleichen Satz formuliere. „Ich, Britta, bin ein begnadeter Coach. Britta, du bist ein begnadeter Coach. Britta ist ein begnadeter Coach.“

    Dabei achte ich auf Widerstand, der sich in mir rührt, auf zweifelnde Gedanken oder Begründungen, warum die Aussagen nicht stimmen können. Sobald ein solcher hinderlicher Satz erscheint, schreibe ich ihn auf die Rückseite und mache dann weiter mit der Affirmation, bis das nächste Gegenargument erscheint.

    Wenn ich ehrlich zu mir war, kann ich in meinen festgehaltenen negativen Gedanken die Glaubenssätze erkennen, die mich davon abhalten, zu haben, was ich erreichen möchte.

    Im nächsten Schritt setze ich diesen negativen Äußerungen wieder positive Affirmationen entgegen. Oder ich ändere die ursprüngliche etwas ab, damit sie sich passender für mich anfühlt.

    Das mache ich in der Folgezeit immer wieder, bis die negativen Programme mir komplett bewusst geworden sind und keine neuen mehr auftauchen. Dann kann ich mit der Affirmation an sich weiterarbeiten – die nun ihre volle Wirkung entfalten dürfte.

    • Sich in einen Steinkreis aus Pietersit legen

    Ich habe mich in meinem ersten Jahr an der Heilpraktikerinnenschule „Alchemilla“ im Rahmen meiner Heilerausbildung in einen solchen Steinkreis legen dürfen. Die Art, in der meine Gedanken zur Ruhe kamen, war für mich so bahnbrechend, dass ich mir danach gleich eine Handvoll Trommelsteine aus Pietersit gekauft habe, die mit meinen Bergkristallen zusammen einen Kreis bilden, der sogar im Liegen groß genug für mich ist. Wer sich angesprochen fühlt, den lade ich gern dazu ein, das mal auszuprobieren.

    • Bewusst entgegensteuern

    Als ich das Internet fragte, nannte jemand die Idee, einfach Matheaufgaben im Kopf zu rechnen, um den Verstand anders zu beschäftigen. Oder aus dem, was einem an den Kopf geworfen wurde, das Gegenteil zu machen: ein Kompliment. Jemand schlug das 60 Sekunden-Lächeln von Vera Birkenbihl  vor – einfach so tun, als ob! Die Liste ist sicherlich weiterzuführen.                                                                      

    Bewusst verhaltensändernde Lösungshilfen

    Diese Methoden setzen voraus, dass ich nicht erwarte, dass mein Gegenüber mich rettet oder meine Bedingungen zuerst erfüllt. Ich löse mich bewusst aus der Hoffnungslosigkeit, Hilflosigkeit und Wertlosigkeit. Hier bin ich die Handelnde, die aktiv wird und einen Schritt auf den anderen zugeht. Oft geht es darum, den Dialog miteinander (wieder) zu eröffnen. 

    • Energie übersenden

    Wenn ich in einem Konflikt stecke, stelle ich mir aktiv vor, wie ich mich mit Licht oder Energie oder was auch immer ich gerade brauche, auffülle, sowohl von der Erdmitte als auch aus dem Himmel kommend, und dann sende ich der betreffenden Person – je nachdem, wie nah oder wichtig sie mir ist – über meinen Solarplexus oder aus meinem Herzen die Wärme, Liebe, Farbe, Kraft, was auch immer, von der ich erahne, dass sie es brauchen könnte.

    • Wertschätzende Kommunikation

    Der Liebesforscher John M. Gottman erzählt in seinem Buch „Die 7 Geheimnisse einer glücklichen Ehe“, wie er nach fünf Minuten Beratungsgespräch vorhersagen kann, ob das vor ihm sitzende Paar sich scheiden lassen wird oder nicht. Die sogenannten apokalyptischen Reiter, an denen er sich unter anderem orientiert sind das Äußern von Kritik als Beschwerde, der Ausdruck von Verachtung, die Rechtfertigungshaltung und das Abbrechen des Dialogs durch Mauern.

    Dabei gibt es klare Grundregeln in der Kommunikation mit anderen. Eine gute Quelle bietet Thomas Gordon. Anstatt also unqualifiziert eine Beschwerde rauszuhauen, wenn ich ein Problem habe oder mir etwas vom anderen wünsche, setze ich eine gezielte Ich-Botschaft.

    Es gibt vier Formen von Ich-Botschaften:

    1. deklarierende Ich-Botschaften, mit denen ich sachlich offenbare, wie es in mir aussieht und was mir wichtig ist.

    2. reagierende Ich-Botschaften, die dem anderen eindeutig und ehrlich mitteilen, was ich von der Aufforderung, Erwartung oder Bitte halte, die an mich herangetragen wurde.

    3. vorbeugende Ich-Botschaften, mit denen ich vorausschauend auf meine Zukunft Bezug nehme und meine Wünsche, Bedürfnisse und Absichten mitteile.        

    4. konfrontierende Ich-Botschaften, mit denen ich mich auf ein einschränkendes, verhinderndes, frustrierendes oder verletzendes Verhalten des Gegenübers ehrlich und echt in meiner Befindlichkeit zeige und verdeutliche, welches nicht-akzeptable Verhalten welche Gefühle und Gedanken in mir ausgelöst hat. Sie zeigen den Anderen als Auslöser für die Situation, beschuldigen ihn jedoch nicht.

    Viel wichtiger jedoch als über mich zu reden ist es, dem anderen zuzuhören. Das aktive Zuhören setze ich ein, wenn ich den Eindruck habe, dass meinem Gesprächspartner etwas auf der Seele liegt. 

    Es wirkt auf drei Ebenen.

    1. Ich signalisiere mein Zuhören durch Blickkontakt, meinen Gesichtsausdruck und die entsprechende Körperhaltung und Gestik.

    2. Ich überprüfe, ob ich meinen Gesprächspartner richtig verstanden habe, indem ich gezielt nachfrage, mit eigenen Worten das Verstandene wiederhole und zusammenfasse.

    3. Ich setze mich in den anderen hinein und spreche die Gefühle an, von denen ich meine, sie zu spüren. Ich höre seine Wünsche heraus. Typischerweise setze ich hier eine Du-Botschaft.

    Dies sind nur die absoluten Grundlagen, es lohnt sich in jedem Falle, sich mit gewaltfreier Kommunikation nach Marshall Rosenberg auseinanderzusetzen. Wertschätzende Kommunikation kann nur einer Haltung der Wertschätzung entspringen und nicht methodisch erlernt werden.                                                                                                                                   

    Lösungshilfen auf der Metaebene

    Hier geht es um den Adlerblick auf sich selbst. Der mir jedoch nur wenig hilft, wenn ich ihn nicht wieder in die Tiefe bringe und die Ebenen des Bewusstsein, Denken, der Emotionen und des Körpers miteinander integriere. Viele dieser Methoden sehe ich eben deshalb auf der Metaebene angesiedelt, weil sie die unteren Ebenen gekonnt miteinander verbinden.

    • Der Weg des Künstlers

    Als Kunstenthusiastin und Arts and Change-Coach muss ich natürlich alle Methoden, die in die Kreativität und den persönlichen Ausdruck mit künstlerischen Medien führen, voranstellen. Das gleichnamige Buch von Julia Cameron möchte ich als machtvolles, lebendiges Selbstfindungstool ebenfalls stark empfehlen. 

    • Zürcher Ressourcenmodell

    Es gibt unzählige Variationsmöglichkeiten. Hier wird mit Ressourcen gearbeitet, indem z.B. anhand eines konkreten Veränderungswunsches oder unbewusst mithilfe eines schönen Bildes positive Begriffe gesammelt werden.

    Anhand der auftretenden somatischen Marker wird eine Auswahl getroffen, aus der dann später eine Zieldefinition (eine Affirmation) dessen entsteht, was ich erreichen möchte.

    Erinnerungshilfen werden anhand von Symbolen und durch eine passende körperliche Bewegung verankert.

    Um den Transfer ins Leben zu sichern, wird konkret ausgearbeitet, in welchen möglichen Verhaltensweisen sich der Wunsch ausdrücken könnte.  

    • Die Arbeit mit den Inneren Stimmen

    Dies ist bei weitem mein Lieblingsansatz. Es gibt ihn in vielfältigster Art und Weise. Mein erster Zugang war Artho Wittemanns „Individualsystemik“. Er beschreibt fünf Dimensionen innerer Persönlichkeiten: Mann, Frau, Kind, Tier, Gott.

    Ich lasse eine innere Stimme zu Wort kommen und stelle mir vor, wo im Raum sie sich aufstellen würde. Dann nehme ich diese Position ein und bin in Kontakt mit dieser inneren Stimme. Ich atme und fühle mich ganz in sie hinein. Von da an sehe ich weiter.

    Häufig führe ich auch Schreibdialoge mit meinen inneren Stimmen. Ich stelle eine Frage und etwas in mir antwortet. Es ist es eine deutlich andere Handschrift.

    Ebenso habe ich eine imaginativen Zugang zu meinen inneren Personen, indem ich eine Traumreise an meinen inneren Rückzugsort mache (es ist immer der gleiche Weg zu immer dem gleichen Haus am immer gleichen Strand). Dort treffe ich mich innerlich am Lagerfeuer mit einer inneren Stimme. Das Gute an den Visualisierungen persönlicher Treffen mit Inneren Stimmen ist, dass man beim Abschied ein symbolisches Geschenk erhält, das man in sein Leben mitnehmen kann.
         
    Hal und Sidra Stone haben viele Bücher über die Arbeit mit den inneren Stimmen geschrieben, z.B. „Du bist richtig – Mit der Voice Dialogue Methode den inneren Kritiker zum Freund gewinnen“. Sie beschäftigen sich auch insbesondere mit dem Inneren Patriarch und der Inneren Matriarchin.

    Sie führen über die kritischen Stimmen zum Inneren Kind und etablieren eine verantwortungsvolle Elternrolle. Oftmals hilft es, diesen verlassenen und verlorenen inneren kindlichen Anteil virtuell in den Arm zu nehmen. Wenn er sich gesehen fühlt, seine Bedenken angenommen werden, lässt es sich leichter einen Schritt in eine aus Sicht des Kindes vermeintliche Bedrohung gehen. Dann gehen wir diesen Schritt gemeinsam.

    Schulz von Thun nennt diesen Ansatz das „Innere Team“. Diese Innere Pluralität wird zu einer „Inneren Ratsversammlung“ in die Zusammenarbeit gebracht. Häufig werden die inneren Stimmen anhand eines sie beschreibenden markanten Satzes zusammen visualisiert.

    • Zeugen-Bewusstsein

    Die meisten Ansätze dienten dazu, meine Bewertung der Gegebenheiten loszulassen und eine Gelassenheit und Offenheit für das Leben aufzubauen. Mich nicht mehr zu identifizieren mit meinem Problem im Außen und zu erkennen, dass die Lösung in mir bereits immer da war.

    Ken Wilber et al. beschreiben in der Integralen Lebenspraxis den stillen und ruhigen Zeugen als das, was immer da ist, unwandelbar und unsterblich – das universelle Selbst, das immer richtig ist. Sie führen in eine Meditation, in der das innere Gewahrsein auf die Zeit vor 5 Minuten, fünf Stunden, fünf Jahren, 500 Jahren und 5000 Jahren im Fokus steht. Das gibt doch mal eine erfrischende Perspektive, in der ich mich selbst, meine Gedanken und Gefühle, nicht mehr ganz so furchtbar wichtig nehme.

    • Autopsychotherapie nach Kazimierz Dabrowski

    Allein das Wort klingt wie Musik in meinen Ohren. Meine Begeisterung für Dabrowskis Theorie der positiven Desintegration ist bekannt. Auch wenn ich denke, dass unsere Herausforderungen, Krisen und Konflikte ein wunderbares Feld bieten, in dem wir unser persönliches Wachstum vorantreiben können – und ich das gern als Psychotherapie an mir selbst betrachte – so ist dem natürlich auch eine Grenze gesetzt, wenn ich z.B. das Gefühl habe, mich in bestimmten Situationen nicht von allein aus meinem negativen Gedankenkarussell befreien zu können. Daraus ergibt sich mein schließlich allerletzter, voranbringender Vorschlag zur Lösung:

    • Therapie
    • Selbstzertifizierung

    Kleiner Scherz – hat bei mir allerdings wirklich Wunder bewirkt. Daher lade ich gern dazu ein. Der fünfteilige Minikurs, den ich erstellt habe und per Mail versende, ist kostenlos.

    Minikurs Zertifizier Dich selbst von Britta Weinbrandt - 5 Impulse in 5 Wochen
    Minikurs Zertifizier Dich selbst von Britta Weinbrandt – 5 Impulse in 5 Wochen

    … und, letzter Punkt, außerdem brachte meine offensichtliche Begeisterung für dieses Thema mich dazu, zu erkennen, dass ich in diesem Bereich auch mal ein Angebot formulieren sollte. Hier unten sind also aktuelle Angebote verlinkt. Online natürlich.

    Schnellanleitung für einen positiven Blick

    Wertschätzende Gespräche über Kinder führen

    Wenn es um das Thema Gesprächsführung geht, kommt man meines Erachtens um das Reframing nicht herum. Um den Blickwinkel einer tendentiell negativen Äußerung in eine wertschätzendere, lösungs- und ressourcenorientierte Richtung zu schubsen, können wir die positive Umdeutung sinnvoll einsetzen,

    Ich bin beim Niedersächsischen Institut für frühkindliche Bildung und Entwicklung mal über eine Liste von Zuschreibungen gestolpert, die insbesondere Kindern galt, die ein bisschen mehr auf dem Kasten haben als andere – und dementsprechend fordernd auf das Nervenkostüm ihrer Eltern, Großeltern, Erzieher und Lehrer wirken können. Allerdings haben alle Kinder es verdient, dass man ihnen einen kleinen Vertrauensvorschuss gibt. Schließlich wollen sie niemanden bewusst ärgern, sondern sind nun mal so, wie sie sind.

    Hier kommt nun eine kleine Starthilfe, für alle, die ihre Einstellung zu ihren Kindern und ihre Kommunikation nach Außen mit einem Schuss positivem Denken würzen möchten. Das gilt natürlich umgekehrt und gleichermaßen für alle wohlwollenden Pädagogen, die ihre Anvertrauten gegenüber deren verzweifelten Eltern verteidigen möchten!

    Sie ist immer so neugierig. Überall steckt sie ihre Nase rein!

    Wer so etwas über seine Tochter hört, kann den Sprecher darauf hinweisen, dass das Mädchen Neugierde zeigt und überall nach Bedeutung und Sinn sucht. Sie ist wissensdurstig, wissbegierig, interessiert, allinteressiert, motiviert, aufgeweckt, wachsam und saugt auf wie ein Schwamm. Dazu ist sie weltoffen, erkundungsfreudig und explorativ. Außerdem kann sie gut beobachten und zuhören!

    Er ist furchtbar hartnäckig!

    Im Gegenteil! Er ist Intrinsisch motiviert, ausdauernd, standhaltend, standhaft, er bleibt dran, ist konsequent, beständig, beharrlich, geduldig. Er gibt nicht auf. Er führt Aufgaben tatsächlich bis zum Schluss, hat eine hohe Frustrationstoleranz, ist bestimmt, willensstark, durchsetzungsstark, zielstrebig und vertritt seine Meinung. Basta.

    Sie strengt sich einfach nicht an!

    Warum auch? Sie erwirbt schließlich Informationen leicht und schnell, es fällt ihr förmlich zu, sie kann es ja schon. Sie fühlt sich nicht wirklich gefordert, sucht erst einmal nach dem Sinn dahinter. Sie geht den effektiven Weg. Oder sie hat einfach andere Interessen. Vom Typ her ist sie ruhig, entspannt, gelassen, zurückhaltend, abwartend, zufrieden. Sie macht sich keinen Druck, ist in sich ruhend, im Ruhemodus – sozusagen Wellnessexpertin. „Hängematte“ ist ihr Lebensmotto. Noch dazu ist sie kreativ und kann wirklich gut delegieren.

    Er macht mich wahnsinnig, weil er alles hinterfragt!

    Man könnte auch sagen, er löst sehr gern Probleme und ist fähig, Konzepte und Synthesen aufzustellen und zu abstrahieren. Er bildet sich seine eigene Meinung. Er nimmt die Dinge nicht einfach so als gegeben hin, er möchte sichergehen, fragt aktiv nach dem Sinn dahinter, ist generell interessiert, wissbegierig, kritisch. Er will definitiv lernen, geht den Sachen auf den Grund, ist offen, aufgeschlossen, aufgeweckt und selbstbewusst.

    Sie hört nicht auf Verbote, sie muss alles ausprobieren!

    Sie sucht nämlich intensiv nach Beziehungen zwischen Ursache und Wirkung! Sie möchte, nein muss wissen, wie es sich anfühlt, wie es funktioniert. Sie verlangt Beweise: Es könnt ja auch ganz anders sein! Es wird deutlich, dass sie lernen will und unglaublich wissbegierig, informationsfreudig sowie vielseitig interessiert ist. Darüber hinaus ist sie extrem mutig und experimentierfreudig. Sie hat Forscherdrang, wird bestimmt auch mal Forscherin, denn sie ist offen für Neues und hoch motiviert.

    Ich kann nicht mehr – er gibt keine Ruhe!

    Er mag keine Unklarheiten und Unlogik, deshalb fragt er immer weiter. Oder ihm fehlt der Sinn, er sucht nach dem Grund, es fehlt ihm noch ein Puzzlestück, um sich das Gesamte zu erschließen. Fest steht jedenfalls, dass er kommunikativ ist und immer was zu sagen hat. Er vertritt seinen Standpunkt. Er erzählt gern, hat Ausdauer, bleibt am Ball, ist aufgeweckt, voller Tatendrang, bewegungsfreudig, hat viel Energie. Er ist unermüdlich, konsequent, zielstrebig.

    Sie ist immer so direkt und undiplomatisch. Sie macht sich keine Freunde!

    Das liegt ganz klar daran, dass sie ohne Falsch ist: Sie betont Wahrheit, Gleichheit und Fairness, ist offen, ehrlich, klar und deutlich. Spontan und aus dem Bauch heraus sagt sie, was sie denkt. Ohne Umschweife, unverblümt. Sie weiß genau, was sie will, kommt schnell auf den Punkt, ist emotional. Dabei achtet sie gut auf sich, äußert ihre eigenen Bedürfnisse und vertritt ihre Interessen. Sie hat keine Angst vor Konfrontationen.

    Er hinterfragt Grundsätzliches!

    Na klar, er hat nämlich Großes vor: Er möchte die Welt verändern – und zwar zum Besseren! Er sorgt sich sehr um humanitäre Bedingungen und setzt sich mit den Regeln der Welt auseinander. Er tauscht sich gern aus. Er möchte lernen, ist interessiert, wissbegierig, selbstbewusst und hat seinen eigenen Kopf. Er möchte wirklich verstehen. Vielleicht  sucht er auch einfach nach Sicherheit und Schutz.

    Sie will alles bestimmen!

    Oder so: Sie möchte Dinge und Menschen organisieren, denn sie weiß, wo es langgeht. Sie hat viele eigene Ideen und kann dafür auch Verantwortung übernehmen. Bestimmt wird sie mal Chef. Auf jeden Fall zeigt sie enorme Führungsqualität. Sie geht planerisch vor, ist strukturiert, kann sich behaupten, ist durchsetzungsfähig, durchsetzungsstark, selbstbewusst, kommunikativ, meinungsbildend – und dabei kreativ. Willkommen im 21. Jahrhundert! 

    Er verkompliziert immer alles!

    Nein, er konstruiert lediglich komplizierte Regeln, denn er ist in der Lage, komplexe Sachverhalte zu erkennen und zu analysieren. Er konstruiert umfangreiche Inhalte. Er plant, plant langfristig, plant weit voraus. Er denkt größer und schaut über seinen Tellerrand hinaus. Dazu kann er um Ecken denken, ist vorsichtig und verhalten. Er nimmt sich die Zeit, die er braucht. Er ist selbst sehr komplex.

    Sie ist schrecklich altklug. Ständig hängt sie bei den Erwachsenen rum!

    Durch ihr großes aktives Vokabular ist sie sprachlich sehr weit, ist sprachbegabt, redegewandt und mitteilungsfreudig. Mit Gleichaltrigen kann sie nicht so viel anfangen. Sie kann gut erklären, verfügt über viele Informationen, die ihrem Alter voraus sind, wirkt weise, klug, schlau, originell. Sie weiß einfach viel, ist interessiert und macht sich zu allem Gedanken.

    Egal, was ich ihm anbiete, er ist immer unzufrieden!

    Er setzt hohe Erwartungen an sich selbst und andere, ist anspruchsvoll, strebt nach mehr, hat generell ein hohes Perfektionsstreben. Er ist kritisch und überlegt genau. Er setzt sich stetig neue Ziele – da bleiben Erwartungen auch mal unerfüllt. Aber er ist konzentriert. Vielleicht ist er einfach nicht ausgelastet, oder er braucht noch Zeit zum Ankommen.

    Sie ist ein echter Querkopf – immer gegenan!

    Sie ist phantasievoll, kreativ und erfinderisch, geht neue Wege. Eine Querdenkerin, die um Ecken denken kann. Sie denkt ganz viel nach, hat eigene Ideen, vertritt ihre eigene Meinung, probiert sich aus. Sie zeigt einen aktiven Denkprozess, ist durchsetzungsfähig und selbstbewusst, weiß, was sie will. Vielleicht ist sie nicht ganz so gut geerdet…

    Er ist schrecklich stur!

    Er kann sich äußerst intensiv konzentrieren, lässt sich von seinen Interessen nicht ablenken, ist ausdauernd, konsequent, gradlinig, standhaft, beharrlich, willensstark, selbstbewusst. Er kann seine eigene Meinung vertreten, Wünsche und Ziele äußern, ist individuell, weiß, was er will. Außerdem bleibt er bei dem, was er sich vorgenommen hat und zeigt deutliches Durchhaltevermögen.

    Sie ist bestimmt hyperaktiv!

    Ganz bestimmt nicht! Nur weil sie energiegeladen, wach, voll Energie, lebendig, motiviert ist? Sie zeigt eine motorische Begabung und gute Körperbeherrschung, ist sportlich, bewegungsfreudig, aktiv, immer unterwegs, geradezu agil. Sie ist immer voll bei der Sache. Sie setzt einfach alles, was ihr im Kopf herumspukt, gleich in Bewegung um. Sie ist sinnesoffen, aufgeweckt – und ausdauernd.

    Er wirkt irgendwie etwas oberflächlich!

    Das wirkt vielleicht nur so! Ich dachte auch mal, dass mein Sohn sich nicht für das Deutsche Museum in München interessiert hätte, weil er so schnell durch die Räume spaziert war, ohne sich etwas gezielt anzugucken. Aber zu Hause kam die Überraschung, als er minutiös die Exponate beschrieb, die ihn wohl doch fasziniert hatten. Er verarbeitet Sinnesreize also unglaublich schnell. Er organisiert sich selbst. Außerdem hat er sehr unterschiedliche Interessen und Fähigkeiten, ist vielseitig. Er sieht die schönen Dinge, ist unkompliziert, geht steil nach vorn, nimmt das Leben leicht, lebt in Gelassenheit und mit Leichtigkeit. Oder er sieht einfach alles etwas sachlicher.

    Warum ist sie bloß so eigensinnig?

    Sie ist unabhängig, zieht individuelle Arbeit vor und hat dabei eine hohe Eigensteuerung. Sie arbeitet effektiv, ergebnisorientiert und wünscht sich, schnell zum Ziel zu kommen. Sie hat ihre eigene Denkweise, ist kreativ, ist individuell, einfach ein Charakter. Gleichzeitig ist sie auf sich bezogen und selbstbesonnen. Sie scheint niemand anderen zu brauchen, genügt sich selbst, ist willensstark, selbstbewusst und verfolgt eigene Ziele. Dabei achtet sie gut auf sich und kann für sich selbst sorgen.

    Er ist unfassbar frech!

    Das kommt von seinem starken Sinn für Humor. Er ist nämlich ein „kleiner Michel“, ist erfrischend, lebensfroh, phantasievoll, wortgewandt, wortstark, schlagfertig. Verhaltensoriginell eben – und dabei sehr charmant! Er zeigt sich mutig, selbstbewusst, keck, herausfordernd – und er hat seine eigene Meinung. Zudem weiß er sich zu rechtfertigen, seinen Standpunkt deutlich zu machen. Auf jeden Fall kann er sein Gegenüber gut einschätzen. Er probiert sich aus, testet aus, lotet Grenzen aus. Einfach nur cool!

    Und nun wünsche ich viel Spaß beim Neuformulieren mit dem positiven Blick!

    PS: Ich danke allen Teilnehmern meiner Seminare „Vom Elterngespräch zur Bildungs- und Erziehungspartnerschaft“ und des DGhK-Gesprächskreises „Hochbegabung und Hochsensitivität“ für ihre zahlreichen Ideen.

    Wie Hochsensitivität zu persönlichem Wachstum verhilft

    Vor einigen Jahren wurde ich durch die Beschäftigung mit J.T. Webbs „Hochbegabte Kinder – Das große Handbuch für Eltern“ auf Kazimierz Dabrowskis Forschungen aufmerksam gemacht. Damals ging es für mich als Teilnehmerin eines Elterntrainings bei Suzana Zirbes-Domke darum, passende Unterstützung in der sozial-emotionalen Entwicklung hochbegabter Kinder leisten zu können, die sich häufig durch eine besondere Hochsensitivität, eine schnellere, gründlichere und feinere Verarbeitung der Sinneswahrnehmung, auszeichnen. Die Betroffenen haben ein sehr hohes Empfindungsvermögen, können ihre tief empfundenen Gefühle im ebenso extremen Ausmaß äußern – und durch ihre Intensität sehr anecken und missverstanden werden.

    Neu war für mich, dass Dabrowski diese Ausprägungen in fünf Bereiche einteilt, in die psychomotorische, sensorische, intellektuelle, imaginative und emotionale Hochsensitivität (im Original: Overexcitability – welches aber eine nur unzureichende Übersetzung aus dem Polnischen darstellen soll). Dabrowski beschreibt, dass es um erhöhte Intensität der Erfahrung und Wahrnehmung der Außenwelt und der emotionalen Energiefelder anderer Menschen ginge, um größere Lebendigkeit und Wachheit, meist in Kombination mit einem schnellen Reaktionsvermögen und einem Sinn für Essenz, Tiefe und Komplexität. Im deutschen Sprachraum sind eher die Arbeiten von Elaine Aron bekannt, die einen Test für Hochsensitivität entwickelt hat, der auch auf deutsch übersetzt wurde.

    Psychomotorische Hochsensitivität

    • Ich habe viel Energie
    • Ich bin zappelig, unruhig
    • Ich rede schnell und oft
    • Ich liebe Bewegung
    • Ich knabbere an meinen Fingernägeln
    • Ich mag schnelle Spiele
    • Ich schlafe nicht viel
    • Ich bin impulsiv
    • Ich konkurriere/wetteifere gern
    • Ich habe nervöse Gewohnheiten
    • Ich drücke meine Gefühle körperlich aus
    • Ich bin manchmal kompulsiv/habe die Tendenz, Handlungen zu wiederholen
    • Ich benehme mich manchmal daneben
    • Ich kann mich stark für etwas engagieren

    Psychomotorische Hochsensitivität ist kennzeichnet durch ein Übermaß an hoher Energie. Diese Menschen sind aktiv und energiegeladen, was sich in einem erhöhten Bewegungsdrang, schnellem Sprechen (insbesondere bei überschießend guter Laune) und leidenschaftlicher Begeisterungsfähigkeit ausdrücken kann. Man stelle sich Eddie Murphy, Robin Williams und Jim Carrey in einem Raum vor. Sie brauchen als Kinder wenig Schlaf. Schnelle Sportarten sind beliebt, Wettbewerbskämpfe auch. Psychomotorische Hochsensitivität muss aber nicht gleich heißen, dass man supersportlich ist. Man hat lediglich mehr Energie zur Verfügung als der Rest der Bevölkerung. Für Kinder kann das auch sehr unangenehm werden.

    Ich erinnere mich sehr stark, wie ich auf einer Kindergeburtstagsfeier die uns betreuenden Eltern im Nebenraum zueinander sagen hörte: „Typisch Britta – die Kleinste ist immer die Lauteste!“ Dieses Gefühl, „Zuviel“ zu sein, begleitet mich bereits mein ganzes Leben, und das war auch der wahrhaft positive Effekt, den das Lesen von „Living with Intensity“ (der Lektüre, die diesen Blogeintrag inspirierte) in mir schließlich ausgelöst hat: Ich bin nicht allein!


    Mit meinen Selbstzertifizierungen habe ich mich sehr in diesem Bereich ausgetobt, um genau diese Kindheitswunde zu heilen und meine Hochsensitivität anzunehmen. Ich bin überzeugt, dass sie sich erst dann zu der Stärke entfalten kann, die sie eigentlich darstellt!

    Emotionale Anspannung wird ebenso motorisch ausgedrückt, Beine werden stundenlang gewippt, es können nervöse Angewohnheiten bis zu motorischen Tics auftreten oder zwanghaftem Organisieren. Ich habe Jugendliche gesehen, die unaufhörlich Kugelschreiber auseinander- und wieder zusammengebaut haben oder ihre Federtaschen geöffnet und geschlossen, aus- und wieder eingepackt haben, ohne das zu registrieren. Kinder können häufig nicht verlieren, Erwachsene werden leicht zu Workaholics.

    Man kann sich vorstellen, dass die Gefahr von ADHS-Fehldiagnosen bei solchen Ausprägungen besonders hoch ist. Tatsächlich ist die psychomotorische Hochsensitivität bei hochbegabten Kindern nachweislich am weitesten verbreitet.

    Daniels und Meckstroth fassen zusammen, dass man solchen Kindern sitzende Aktivitäten verkürzen sollte, Bewegungs- sowie Entspannungsmöglichkeiten anbietet und schlagen Aussagen vor, mit denen man betroffene Kinder positiv ermutigen kann:

    • „Du hast unglaublich viel Energie.“
    • „Deine Intensität wird dir helfen, viele Dinge zu erreichen.“
    • „Ich wünschte, ich hätte auch nur ein Fünkchen von Deine Energie.“
    • „Dein ganzen Körper arbeitet mit, wenn du lernst.“
    • „Du bewegst dich viel und sitzt nicht gern still.“
    • „Manchmal braucht der Körper ein wenig Entspannung.“

    Sensorische Hochsensitivität

    • Ich liebe es, Dinge zu berühren
    • Ich habe ein starkes Verlangen nach Behaglichkeit und Gemütlichkeit
    • Ich suche Genuss und Vergnügen
    • Ich reagiere sensibel auf Düfte
    • Ich liebe Musik
    • Ich liebe Schmuck
    • Mich stören Schilder in der Kleidung
    • Ich schätze Schönheit
    • Ich esse zuviel
    • Ich kann Nähte in Socken nicht leiden
    • Als Kind konnte ich nicht barfuß über Rasen laufen
    • Ich werde durch Sinneswahrnehmungen (Töne, Gerüche, Temperatur, Bilder etc.) abgelenkt
    • Kunst zieht mich zutiefst an
    • Ich mag Theater und darstellende Künste

    Sensorische Hochsensitivität bezieht sich besonders auf die sinnliche Wahrnehmung, Sehen, Riechen, Schmecken, Berühren, Hören. Diese Menschen empfinden einen großen Genuss bei sensorischen Erfahrungen wie Sprache, Musik, physischer Zärtlichkeit, Düften. Sie haben eine Neigung zu sinnlichen Genüssen wie Essen und Trinken. Es besteht ein Bedürfnis nach Ästhetik und Freude an schönen Dingen, Bildern, Kunstwerken – mit solchen Menschen verpasst man keinen schönen Sonnenuntergang und sie können so in ihren (Natur)erfahrungen versinken, dass die Umgebung mitunter ausgeblendet wird. Sie verlieren sich in Details und nehmen die Welt wie durch ein Mikroskop wahr.


    Bei emotionaler Anspannung spielen sich solche Kinder gern ins Rampenlicht, viele überessen sich. Erwachsene gehen extremshoppen. Die Kehrseite ist auch eine deutlich erhöhte taktile Reaktion auf Stoffe, Materialien und Oberflächen. Es sind Kinder, die ihre Socken umdrehen müssen, weil sie die Nähte nicht ertragen. Ihre Eltern müssen nachts die wenigen Klamotten, die die Kinder besitzen, auf der Heizung trocknen, damit sie am nächsten Tag wieder etwas zum Anziehen haben – davon kann ich als Mutter ein Lied singen. Es kann Empfindlichkeit gegenüber grellem Licht, wie Leuchtstofflampen bestehen, ebenso kann es auch sein, dass kein diffuses Kerzenlicht ertragen wird. Ablenkbarkeit, Kopfschmerzen und Erschöpfung, z.B. bei Lärm können die Folge sein. Kinder mit einer Überempfindlichkeit bei Geschmack und Textur von Lebensmitteln können die Nahrungsaufnahme verweigern, ebenso lösen Gerüche mitunter starke Übelkeit und Würgreiz aus.


    Auch kleine Dinge können zu beschämenden Erfahrungen führen. Ich erinnere mich, als wäre es gestern gewesen, dass ich in der Grundschule einmal minutenlang einen Lichtreflex mit dem Zeigefinger umkreiste und aus dieser Versunkenheit geholt wurde, indem mir bewusst wurde, dass ich dran war, eine Matheaufgabe zu lösen, da meine Lehrerin mich bereits mit deutlicher ungehaltener Stimme aufforderte, die Lösung zu sagen. Da ich nicht wusste, welche Aufgabe oder wie lang ich schon dran gewesen war, blieb mir nichts anderes übrig als so zu tun, als könnte ich es nicht. Dass ich nicht zugeben konnte, geträumt zu haben, war mir allerdings damals schon sehr klar…

    Daniels und Meckstroth schlagen vor, den betroffenen Kindern die Umwelt so zu gestalten, dass sie maximalen Komfort und Ästhetik genießen können. Sich die Zeit zu nehmen, auch einmal mit ihnen entspannt an einer Rose zu schnuppern. Die Probleme mit der Kleidung ernst zu nehmen. Und darauf gefasst zu sein, dass solche Kinder sehr viel länger Übergangsobjekte benötigen als ihre Altersgenossen, dass es also durchaus vorkommt, dass der Teddy noch in der höheren Schule im Spind sitzen muss… Ermutigende Bemerkungen könnten sein:

    • „Wie du dich über schöne Dinge/Gefühle freuen kannst!“
    • „Du magst ____ Stoffe/Laute sehr gern spüren, aber ich kann sehen, dass dir ___ Geräusche/Stoffe ganz schön etwas ausmachen.“
    • „Du weißt genau was du magst und was dir gut tut.“
    • „Manchmal macht es Spaß, etwas Neues auszuprobieren. Möchtest du mal ____ ausprobieren?“

    Intellektuelle Hochsensitivität

    • Ich liebe es, Probleme zu lösen
    • Ich bin sehr neugierig
    • Ich lese sehr gern
    • Ich kann mich über längere Zeit konzentrieren
    • Ich strebe nach Gerechtigkeit
    • Ich stelle bohrende Fragen
    • Ich liebe es, dazuzulernen
    • Ich analysiere gern Dinge
    • Ich denke gern theoretisch
    • Ich möchte immer richtig liegen
    • Ich brauche/suche die Wahrheit
    • Ich denke gern über das Denken nach
    • Ich beobachte sehr akkurat
    • Ich liebe detaillierte Planung

    Intellektuelle Hochsensitivität beschreibt Menschen, die mit einem großen Wissenshunger, tiefer Neugier und einer Begeisterung für Logik und Theorien ausgestattet sind. Sie stellen bohrende Fragen, sind scharfe Beobachter und haben eine anhaltende Konzentrationsfähigkeit sowie ein gutes Gedächtnis mit einer extrem hohen Merkfähigkeit. Sie sind getrieben davon, zu erfahren, was die Welt im Innersten zusammenhält. Ich kenne ein Exemplar, das fast manisch jedes einzelne technische Gerät, das er in die Finger bekommt, einmal aufschrauben und reingucken muss, weil er offensichtlich nicht ruhig weiterleben kann, wenn er nicht sofort weiß, wie es da drin aussieht. Sie lieben das Lernen und neue Erkenntnisse, lösen gern Denkaufgaben und Probleme und lesen sehr viel.

    Solchen Kindern wird nachts die Taschenlampe weggenommen. Was nichts bringt. Ich selbst bin dann regelmäßig aufgestanden und habe mein Buch Zeile für Zeile durch den kleinen Schlitz an der Kinderzimmertür gezogen, durch den das Flurlicht hereinkam. Sie streben bereits in frühen Jahren nach Wahrheit und Verständnis, haben hohe Moralvorstellungen, gehen planerisch vor und erstellen neue Konzepte. Sie reflektieren sich selbst ohne sich zu bewerten, als unabhängige Denker, die auch philosophisch über das Denken nachdenken. Intellektuelle können auch sehr kritisch Dinge und Menschen hinterfragen. Wenn sie keinen guten Tag haben, analysieren sie alles so in seine Einzelteile, dass es ihnen nicht mehr gelingt, diese wieder zusammenzusetzen.


    Daniels und Meckstroth bitten darum, bereits sehr kleine Kinder in ihren intellektuellen Bedürfnissen ernstzunehmen und ihnen zu ihren eigenen Projekten, auch zu Kontakt mit ähnlich tickenden Kindern, zu verhelfen. Sie sollten Hilfe erhalten, wie sie ihre unendlichen Fragen selbst beantworten können. Kommunikation und Fragetechniken sollten thematisiert werden. Hilfreiche Sätze sind:

    • „Deine Neugier treibt dich voran.“
    • „Du interessierst dich wirklich für alles.“
    • „Du lernst viele neue Sachen und wirst Dinge bewegen/verändern können.“
    • „Du bleibst dran an deinen Projekten, die dich interessieren.“
    • „Ich mag es, wie du deine Ideen verteidigst.“
    • „Du bist offen, um viel Neues zu lernen.“

    Imaginative Hochsensitivität

    • Ich stelle mir Dinge lebhaft vor
    • Ich liebe Phantasie
    • Ich erfinde Dinge
    • Ich schmücke die Wahrheit aus
    • Ich mache mir viele Sorgen
    • Ich fürchte mich vor dem Unbekannten
    • Ich träume sehr intensiv
    • Ich liebe Theater
    • Ich glaube an Magie
    • Ich bin humorvoll
    • Ich habe imaginäre Freunde
    • Ich würde gern malen
    • Ich benutze oft Metaphern/Gleichnisse
    • Meine Sprache und Zeichnungen sind reich bebildert

    Imaginative Hochsensitivität bedeutet, eine ausgeprägt lebhafte Phantasie und visuelle Vorstellungskraft mit Erfindungsreichtum zu haben. Solche Menschen lieben es, komplexe imaginäre Abläufe zu erdenken, sind kreativ, visualisieren gern und haben einen ausgesprochenen Sinn für Poesie und Drama. In der Kindheit kann es zu magischem und animistischem Denken kommen, sie haben die Fähigkeit, sich in eine belebte Welt zu träumen und versinken in eigenen oder bestehenden Märchen- und Phantasiewelten. Viele haben imaginäre Freunde.


    Bei emotionaler Anspannung kann es schwer sein, die Wahrheit vom Erdachten zu trennen. Fiktion und Realität werden mitunter vermischt. In Stresssituationen schalten solche Kinder ab oder flüchten sich förmlich in ihre Phantasiewelten. Dadurch stehen sie sich selbst im Wege, meiden Neues und verpassen somit Chancen. Sie langweilen sich schnell und brauchen immerzu neue Anregungen. Es können sich auch ausgeprägte Albträume und Ängste zeigen. Diese Kinder werden oft fälschlicherweise für ADS-Kinder gehalten.

    Daniels und Meckstroth schlagen vor, ihnen zahlreiche Materialien und Medien zum Zeichnen, Bildhauern, Schreiben, Tanzen, Schauspielern, Bauen und Planen zur Verfügung zu stellen, mit denen sie ihre imaginären Erlebnisse festhalten und vertiefen können. Ihre Vorstellungskraft weiter anzuheizen mit Fragen danach, wie sich das Erdachte beispielsweise in anderen Zeitepochen zeigen würde. Ihnen Geschichten vorzulesen und Entspannungsmethoden vorzustellen. Aktivitäten anzubieten, die kein Ende beinhalten, und ihnen zu helfen, zwischen Realität und Fiktion klar zu unterscheiden. Ihnen zu sagen:

    • „Du hast eine lebhafte Vorstellungskraft.“
    • „Du nimmst die Welt ganz anders wahr.“
    • „Du denkst dir tolle Geschichten aus und kannst sie gut erzählen.“
    • „Du machst die Welt zu etwas Besonderem.“

    Emotionale Hochsensitivität

    • Ich bin sehr empfindlich
    • Ich kümmere mich um andere Leute
    • Ich bin schnell frustriert
    • Ich habe ein ausgeprägtes Sicherheitsbedürfnis
    • Ich habe Einfühlungsvermögen
    • Ich bin schüchtern
    • Meine Gefühle sind extrem ausgeprägt
    • Ich mache mir oft Sorgen
    • Ich bin einsam
    • Ich habe ein starkes Verantwortungsgefühl und fühle mich manchmal sogar schuldig
    • Die Stimmungen von anderen Menschen beeinflussen mich
    • Gefühle bleiben mir sehr lange im Gedächtnis
    • Ich kann mich schwer auf Veränderung einstellen
    • Ich reagiere physisch auf Gefühle, mit Erröten, Magendrücken etc.

    Emotionale Hochsensitivität bezeichnet eine gesteigerte Empfindsamkeit für positive sowie negative Gefühle, sehr intensive und komplexe Gefühle, von denen mehrere – auch ambivalente und gegensätzliche – gleichzeitig erlebt und erforscht werden können. Solche Menschen können schüchtern und vorsichtig sein, aber ebenso euphorische und ekstatische Momente erleben. Wenn sie gut gelaunt sind, können sie einen ganzen Raum zum Erstrahlen bringen. Wenn sie traurig sind, lastet die ganze Welt auf ihren Schultern. Sie besitzen eine sehr differenzierte Eigenwahrnehmung, führen innere Dialoge und können sich selbst gut beurteilen. In Bezug auf zwischenmenschliche Beziehungen zeichnen sie sich durch ein hohes Einfühlungsvermögen und besondere empathische Qualitäten aus. Oftmals können sie in einer neuen Gruppe innerhalb kürzester Zeit detaillierte Auskunft darüber geben, wer wie zu wem steht und scheinen fast hellseherische Intuition zu entwickeln. Sie fühlen die Gefühle anderer, als wären sie ihre eigenen. Wenn sie aus dem Kino oder dem Theater kommen, sind sie außerstande, zu erzählen, wie es war, wie sie es fanden. Sie müssen eine Nacht darüber schlafen. Das gleiche empfiehlt sich, wenn sie z.B. nach Verkaufsgesprächen eine Entscheidung zu treffen haben. Sie gehen ausgeprägt tiefe Bindungen an Menschen, Tiere, Orte und Objekte ein und haben Schwierigkeiten, sich in neuen Umgebungen einzugewöhnen.


    Eine meiner ganz schlimmen Kindheitserinnerungen in dem Bereich ist das Mitfühlen mit Pflanzen. Ich entsinne mich an einen Nachmittag, den ich tränenüberströmt in totaler Agonie verbracht habe und nicht in der Lage war, meiner Mutter gegenüber einzugestehen, dass ich wegen eines Farnes weinte, den sie als tot deklariert und vom Wohnzimmer auf die windige Terrasse verbannt hatte. Der Schmerz war unglaublich. Die Lächerlichkeit des Gefühls war mir gleichermaßen bewusst. Diese gleiche Terrasse bekam von mir später einmal eine Plakette verliehen, auf der in Erinnerung an die gefällte Esche, die ich „Wilhelm“ genannt hatte, geschrieben stand „Dieser Baum wurde sinnlos gemordet“.


    Psychosomatische Reaktionen werden häufig beobachtet: Bauchschmerzen, Herzklopfen, Erröten, schwitzige Hände. In Stresssituationen reagieren sie möglicherweise zudem mit Ängsten, übertriebener Selbstkritik, Schuld und Scham und fühlen sich verantwortlich für nicht kontrollierbare Ereignisse und Zustände. Depressivität, Beschäftigung mit dem Tod und Suizidalität sind häufig nicht fern. Sie können so von Gefühlen überwältigt werden, dass sie zu keiner Handlung mehr in der Lage sind.

    Daniels und Meckstroth beschreiben, dass diese Kinder Bezugspersonen brauchen, die ihnen bedingungslos zuhören und sie in ihrer Gefühlsintensität ernstnehmen. Wenn sie das Gefühl vermittelt bekommen, dass das, was sie zu sagen haben, auch anderen wichtig und wertvoll ist, können sie das Selbstvertrauen entwickeln, dass sie, die in ihrer Intensität und ihrem überbordendem Ausdruck von niemandem verstanden werden, jemanden haben, der es zumindest versucht. Wir können ihnen durch Akzeptanz und Aktives Zuhören helfen, diesen Gefühlen einen Namen zu geben. Sie sollten einen Wortschatz der Gefühle vermittelt bekommen und Gefühle immer wieder thematisieren dürfen, um sich selbst, z.B. auf einer Skala, einschätzen zu lernen. Udo Baer und Gabriele Frick-Baer haben auf diesem Feld hervorragende Arbeit geleistet und wunderbare Bücher geschrieben. Zudem müssen die Betroffenen erkennen und zugestehen, dass andere auch Gefühle haben, auch wenn sie sie nicht in dem Extrem nach außen zeigen, in dem sie es erwarten. Die Vermittlung sinnvoller freiwilliger Aktivitäten, wie ein Ehrenamt, tun diesen Kindern gut und nehmen ihren Wunsch nach sozialem Engagement ernst. Sie profitieren von folgenden Ermutigungen:

    • „Du fühlst, was andere fühlen.“
    • „Du hast tiefe Gefühle und tust sehr viel für andere.“
    • „Du bist sehr aufrichtig anderen gegenüber.“
    • „Du stehst zu denen, um die du dich sorgst.“
    • „Du kennst Freude, Frust, Traurigkeit, Liebe und Ärger – eine ganze Welt der Gefühle.“

    Dabrowskis Theorie der positiven Desintegration

    Wirklich spannend wurde das ganze Thema für mich erst dann wieder, als ich durch das Buch „Living with Intensity“ auf Dabrowskis zugrundeliegende „Theorie der positiven Desintegration“ stieß, die bereits 1964 publiziert wurde und den bestehenden Formen der Hochsensitivität erst einen wirklichen Sinn verleiht. Durch den Austausch mit vielen hochsensiblen Menschen weiß ich, dass einige auch noch als Erwachsene sehr stark unter ihrer niedrigschwelligen Wahrnehmung und Verarbeitung von Sinnesreizen leiden können. Hochsensitivität ist keine Krankheit, aber sie kann in ihrer Symptomatik unter Umständen als eine solche empfunden werden.

    Denn diese intensive Wahrnehmung und etwaige körperliche Reaktionen darauf arbeiten sich nicht etwa im Laufe der Zeit ab, sie können bis ins hohe Lebensalter ungebremst erhalten bleiben.

    Dabrowski sieht darin jedoch nicht nur die Chance zu einer potentiell positiven Persönlichkeitsentwicklung, er hält die Hochsensitivität sogar für eine Notwendigkeit und Voraussetzung, um Wachstum in ein reiches und erfülltes Leben im Einklang mit sich selbst, seinen höheren Werten und der Umwelt entstehen zu lassen. Der durch das erhöhte Empfindungsvermögen bedingte innere Konflikt wirkt hier als antreibende Kraft, Veränderung zu bewirken. Und damit gibt Dabrowski selbst solchen Lebenskrisen, die sich in psychischen und behandlungsbedürftigen Auffälligkeiten äußern (wie z.B. Depression, Ängsten, Psychosomatik), eine Dimension, die ihnen die Pathologie einer Störung nimmt. Sie gehören für ihn einfach erwartungsgemäß zum Leben dazu.

    Symptome nicht zu bekämpfen, sondern sie einfach als Herausforderung anzunehmen, das ist ein Ansatz, der mir sehr entgegenkommt. Es handelt sich um nichts anderes als ein Reframing. Die Kunst, (vermeintlich) Negatives positiv umzudeuten, ist ein großer Bestandteil eines widerstandsfähigen, resilienten Lebens, und allein das Bewusstsein dafür hat mir bereits in vielen Situationen sehr geholfen. Für mich fängt es übrigens mit dem Benennen schon an, denn es macht z.B. einen starken Unterschied, ob ich ein Kind als „hyperaktiv“ oder „altklug“ bezeichne, oder ob ich es – mir, insbesondere dem Kind selbst und auch seinen Eltern gegenüber – als „bewegungsfreudig“ oder „kommunikativ und an allem interessiert“ erkenne und annehme. Da verweise ich gern auf meinen Artikel mit der Schnellanleitung für einen positiven Blick auf Kinder.

    Weil ich sie als so wertvoll erachte, möchte ich die Theorie der positiven Desintegration hier ebenso ausführlich darstellen, wie ich mich den dazugehörigen Formen der Hochsensitivität gewidmet habe. Kazimierz Dabrowski (1902-1980), der im Zweiten Weltkrieg in Polen Schreckliches erlebt, jedoch auch viel Hilfsbereitschaft erfahren hatte, beschäftigte sich als Psychologe, Arzt und Philosoph mit Biographien von bekannten Menschen, Heiligen und insbesondere auch begabten Menschen, Künstlern und Kreativen. Er fand heraus, dass sowohl (intellektuelle) Begabung als auch Hochsensitivität maßgeblich das individuelle Entwicklungspotential bestimmen. Als dritten Faktor benannte er das Streben nach Wachstum und Autonomie. Daraus formulierte er fünf Stufen der Persönlichkeitsentwicklung im Prozess vom ichbezogenen Egozentriker zum selbstbestimmten Altruisten.

    Entwicklungsstufen der Persönlichkeit

    Stufe 1, „Primäre Integration“ ist geprägt von purem Egoismus und Egozentrismus. Das Selbst ist das Zentrum des eigenen Universums. Alles ist gut, was dem Selbst dient, es ist ausschließlich Bedürfnisbefriedigung gefragt. Es besteht kein wirkliches Bewusstsein für sich selbst, keine Innenschau, kein innerer Konflikt. Empathie oder Verantwortungsgefühle gibt es nicht. Andere sind dazu da, zu eigenen Gunsten manipuliert und ausgenutzt zu werden. Ich nehme an, es beschreibt den klassischen Narzissten. Im Falle einer äußeren Krise kann kein inneres Wachstum geschehen. Probleme werden schlicht recycelt. Zum Beispiel streitet man sich ständig mit allen um das gleiche Thema oder lässt sich nach der x-ten Scheidung noch immer auf den gleichen Typ Partner ein. Mir fällt dazu die kleine Anekdote ein, wie ich letztes Jahr in einem kleinen englischen Straßencafé frühstückend meinen Tischnachbarn eine unfassbar frauenfeindliche Bemerkung zu einem Passanten sagen hörte. Als deren Gespräch beendet war, konnte ich mir nicht verkneifen, mich zu ihm hinüberzudrehen und ihn höflich anzusprechen, ob ich ihn fragen dürfte, wie oft er schon geschieden wäre? Seine wenig überraschende, allerdings recht humorvolle Antwort lautete: „Twice. I am currently between divorces. – Zweimal. Ich befinde mich gerade zwischen zwei Scheidungen.“ Bingo!

    Stufe 2, „Unilevel Desintegration“ kann typisch sein für Phasen wie die Pubertät oder Menopause.  Die Persönlichkeitsstruktur kann krisenhaft teilweise zusammenbrechen, Entwicklung führt jedoch noch nicht zu Wachstum. Nicht persönliche Werte werden als wichtig erachtet, sondern soziale Gruppen und soziale Zwänge. Was andere denken, spielt im soziozentrischen Weltbild eine sehr große Rolle. Es wird nach Bestätigung von außen gesucht. Anpassung als Überlebensstrategie. Dinge werden erledigt, weil „man“ es eben so tut, nicht, weil man sich daran erfreuen könnte. Wenn der Nachbar BMW fährt, schafft man sich dann eben auch einen an. Getan wird, was erwartet wird. Rasenkanten sind jederzeit akkurat ausgestochen. Es ist einfacher, Mitläufer zu sein. Es gibt eine deutliche  Unterscheidung zwischen „uns“ und „den anderen“. In geringer Ausprägung vermietet man statt Gästezimmern „Fremdenzimmer“. Bei starker Ausprägung nehme ich an, dass es auch das ethnozentrische Weltbild des klassischen Fundamentalisten beschreibt. Antworten zu bestehenden Lebensfragen werden (mitunter unstet) in Heilslehren, externen Normen, Führungspersonen und Autoritäten gesucht, jedoch niemals in sich selbst. Die innere Stimme wird nicht befragt.

    Stufe 3, „Spontane Multilevel Desintegration“ ist nun die erste Stufe, in der übergreifend und mehrschichtig positive Desintegration geschehen kann. Google definiert Desintegration (Spaltung, Zerfall) wie folgt: „Mangel an Integration; schrittweise Auflösung von etwas, das ein integriertes Ganzes ist.“ Oft passiert eine solche Krise plötzlich, es gibt einen konkreten Auslöser, eine Krankheit, ein Verlust, ein Versagen. Unrecht wird stark gefühlt, diese Menschen sind anderen gegenüber einfühlsam und stellen Vieles in Frage, stellen viele Fragen. „Was ist der Sinn des Lebens?“ „Warum bin ich hier?“ Es entsteht ein innerer Konflikt, eine psychische Erschütterung, die sich auch in Ängsten, existenzieller Verzweiflung, Schmerzen und Depression äußern können. So gibt es ein deutliches Spannungsfeld zwischen dem, „was ist“, und dem, „was sein sollte“. Auf dieser Stufe werden persönliche Werte entwickelt. Innere Schweinehunde werden erfolgreich bekämpft. In der abgleichenden Bewegung in Richtung ihres neu anvisierten Sollzustandes kommt es schließlich zu innerer Transformation.

    Stufe 4, „Organisierte Multilevel Desintegration“ ist der Fortschritt, der sich aus der vorherigen Entwicklung aus der inneren Krise heraus ergibt. Das, „was sein sollte“, konnte sich manifestieren. Es besteht eine klare Richtung im Leben, es gibt einen gefühlten Auftrag, eine Mission, die dazu befähigen, zunehmend immer häufiger in Selbstverwirklichung seine Ideale zu leben. Es handelt sich um autonome, verantwortliche Menschen, die sich ihrer Selbst bewusst und unabhängig von ichzentrierten Bedürfnissen sind. Sie leben in Einklang mit ihren persönlichen Werten und sind frei von dem Gefühl, soziale Konventionen bedienen zu müssen. Sie sind mitfühlend ihren Mitmenschen in einem weltzentrischen Gemeinschaftsgefühl verbunden.

    Stufe 5, „Sekundäre Integration“ beschreibt eine weit fortgeschrittene mehrschichtige Entwicklungsstufe, einen Menschen, der mithilfe großer Intuition und Wissen sein Ideal erreicht hat und darüber hinaus auf eine Verbindung zu etwas Höherem, Größeren vertraut und sich und sein Leben dem Wohl der Gesamtheit widmet, im Kleinen oder im Großen. Ein solcher Mensch ist authentisch, mitfühlend, im Einklang mit allem Leben und hat inneren Frieden erreicht. Er weiß, dass alles eins und miteinander verwoben ist. Bei Ken Wilber, der ein noch viel differenzierteres integrales Modell vorstellt, habe ich die Beschreibungen „transpersonal“ und „kosmozentrisch“ gefunden.

    Die von Dabrowski genannten Beispiele Jesus und Gandhi, die von Piechowski mit Eleanor Roosevelt und Peace Pilgrim ergänzt wurden (eine Frau, die alle weltlichen Besitztümer aufgab, um 28 Jahre für einen guten Zweck durch die USA zu wandern) ließen mich stark an der offiziellen Erreichbarkeit dieser Stufe zweifeln.

    Sal Mendaglio, der das Buch über die Positive Desintegration schrieb, erzählte mir auf einer Konferenz, dass er gerade dabei ist, lebensnahe Beispiele für die letzte Stufe zu sammeln, um sie der Menschheit näherzurücken. Auch Stephanie Tolan kam zu dem versöhnlichen Schluss, dass für sie jemand die fünfte Stufe erreicht hat, der sich selbst und sein Innerstes so transformiert hat, seine Erfahrungen solcherart reflektiert und in die Welt bringt, dass sie sein höchstes Bewusstsein und die Verbundenheit mit der gesamten Menschheit, deren Teil sie sind, ausdrück. In meinen Worten sind es Menschen, die so leben, wie sie „gemeint“ sind. Und das finde ich dann wieder ein schönes und erstrebenswertes Ziel…

    Informationen über hochbegabte Kinder und Underachiever

    Kindern mit besonderen Begabungen oder hochbegabten Kindern werden häufig besondere Eigenschaften zugeschrieben, wie zum Beispiel ein ungewöhnlicher großer Wortschatz, ein eigenmotivierter früher Schriftspracherwerb und zu wenig Schlaf.

    Auch, wenn es unzählige Erscheinungsformen von Hochbegabung gibt, kann die Beschäftigung mit diesen typischen Eigenschaften einen ersten Hinweis geben, wenn der Verdacht besteht, dass ein Kind sich anders entwickelt als seine Altersgenossen. Zum Einstieg in das Thema gibt es diverse Checklisten, beispielsweise diese von der Psychologischen Praxis Beratrain. Hanna Vock nennt passend dazu in ihrem Handbuch Hochbegabtenförderung in Kindertagesstätten anschauliche Beispiele von Kindern.

    Es gibt es bundesweit zur Zeit ca. 250.000 hochbegabte Schulkinder. 69 Prozent aller Hochbegabten zeigen sich „sozial unauffällig“. Im Umkehrschluss wären somit 31 Prozent in irgendeiner Art auffällig. Die Gruppe der Kinder, deren vorhandenes Potenzial sich nicht automatisch in Leistung umsetzt, wird auf zwölf Prozent der Hochbegabten geschätzt. Dieses Phänomen wird auch als Underachievement bezeichnet (erwartungswidrig schlechte (Schul)leistung). Bei Underachievern besteht eine Diskrepanz zwischen dem hohen geistigen Potenzial und der gezeigten Schulleistung. Sie werden allgemein und insbesondere von Lehrkräften selten in ihrer Begabung erkannt. Die Geschlechterverteilung wird mit mindestens 2:1 Jungen:Mädchen angegeben. Unterschiedliche Begabungskonstellationen sind höchst individuell zu betrachten. Entwicklungsprozesse und Veränderungen sind durch neue Impulse und Modifikationen möglich. Eine umfangreiche Diagnostik ist nötig, um entsprechend fördern zu können.

    Britta Weinbrandts Bachelorarbeit zu Elternberatung von hochbegabten Kindern - Intelligenzkurve

    Die Messung eines Intelligenzquotienten von mindestens 130 in einem Intelligenztest ist das am häufigsten verwendete Hochbegabungskriterium und die präferierte Möglichkeit, Hochbegabung zu diagnostizieren. Statistisch betrachtet entspricht dies circa zwei Prozent der Gesamtbevölkerung. Bei diesem Kriterium wird von einer nachgewiesenen allgemeinen geistigen Disposition ausgegangen, die über ein Talent in einem spezifischen Bereich hinausgeht. Eltern, die eine besondere Begabung bei ihrem Kind vermuten, sollten im Falle von auftretenden Schwierigkeiten eine Intelligenztestung anstreben, z.B. in einer psychologischen Praxis, sozialpädiatrischen Zentren oder Erziehungsberatungsstellen. Bereits eine erfolgte Diagnose ermöglicht die Sicht und Einstellung der Angehörigen auf ihre Kinder zum Positiven zu verändern.

    Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Hochbegabung nicht mehr nur in Bezug auf Leistung, sondern als individuell angelegtes besonderes Potenzial gesehen wird, das es durch Schaffen passender Umweltbedingungen herauszufordern gilt.


    Hochbegabte Kinder unterscheiden sich erst einmal nicht von anderen. Die Hochbegabung kann jedoch als Schutzfaktor gegen negative Entwicklungen gelten. Allerdings gibt es besondere Risikogruppen. Dazu zählen hochbegabte Mädchen, verhaltensauffällige Kinder, Migrantenkinder und Underachiever. Darüber hinaus können auch bei Hochbegabten Teilleistungsstörungen oder Behinderungen auftreten. Wenn diese Kinder keine Leistung zeigen, ist die Gefahr groß, dass sie gar nicht erst als hochbegabt erkannt werden. Die drei am häufigsten genannten Schwierigkeiten, die mit einer Hochbegabung einhergehen können, sind eine spezifische Lernbehinderung, ADHS und Autismus.

    Mögliche Problembereiche hochbegabter Kinder

    Die folgende, von mir um ein paar Punkte erweiterte Liste ist einer Studie von Anna J. Wittmann entnommen, die die Beratungsbedarfe von Eltern untersucht hat, die sich an die Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind gewendet haben. 

    Britta Weinbrandt - Bachelorarbeit zu Elternberatung von hochbegabten Kindern - Problembereiche hochbegabter Kinder

    Im Bereich Anforderung und Leistung nimmt das Underachievement die wichtigste Rolle ein. Es unterliegt einem sehr individuellen Bedingungsgefüge. Bereits schulische Unterforderung kann mit einhergehender Langeweile und Verlust der Lernmotivation ursächlich für Lernschwierigkeiten sein. Viele hochbegabte Kinder verfügen zudem über nur mangelnde Lern- und Arbeitstechniken, da ihnen aufgrund hoher Auffassungsgabe Lerninhalte häufig in der Grundschule noch zufliegen und sie erst in späteren Klassen feststellen, dass sie keine Strategien erworben haben. Bei höherer Komplexität kommt es schließlich zu Defiziten, die in einer Verschlechterung der Schulleistungen münden. Ausgeprägte Vermeidungs- und Verweigerungsstrategien können die Folge sein. Diese Entwicklung kann in Teufelskreise führen: Wenn Underachiever aufgrund geringer Anstrengung schlechte Noten erhalten, sinkt ihr Selbstwertgefühl. Gute Noten werden von ihnen als Glück betrachtet und nicht als Belohnung eigener Leistung, was bedeutet, dass die Kinder keine Selbstbestätigung erhalten.

    Auch der besondere Perfektionismus dieser Kinder kann, gepaart mit hohem Selbstanspruch, Angst vor Fehlern, geringer Übungsbereitschaft und geringer Frustrationstoleranz, zum Problem werden. Sie können so genaue Vorstellungen von den Werken haben, die sie planen, dass sie beispielsweise beim ersten Scherenschnitt oder Pinselstrich aufgeben und nie wieder einen zweiten Versuch starten, weil sie nicht ihren eigenen Ansprüchen genügen. So fühlen sie sich zunehmend den Anforderungen nicht gewachsen. Aufgrund der entstehenden Prüfungsangst erhalten sie wiederum schlechte Noten. Das Selbstwertgefühl der Underachiever sinkt weiter und ein neuer Teufelskreis beginnt. Die Kinder werden unzufrieden und halten sich für unbeliebt. Durch die emotionalen Probleme sinkt die Impulskontrolle und sie zeigen abweisendes und aggressives Verhalten, ebenso kann es auch zu geistesabwesendem, aufsässigem, angepasstem oder ignorantem Verhalten Unterforderter kommen. Verhaltensauffälligkeiten lassen wiederum die soziale Anerkennung sinken, wodurch das Selbstwertgefühl weiter beeinträchtigt wird. Der Teufelkreislauf beginnt erneut.

    Britta Weinbrandt - Bachelorarbeit zu Elternberatung hochbegabter Kinder - Teufelkreis Underachievement

    Für den Bereich Logopädie ist die Tatsache wichtig, dass die doppelt außergewöhnlichen Kinder ausgeprägte Lese- und Rechtschreibschwierigkeiten (LRS) haben können. Diese treten bei fünf bis zehn Prozent aller Schulkinder auf, wobei die Fertigkeiten gemessen an Alter, Intelligenz und Beschulung deutlich unter der zu erwartenden Leistung liegen. Hochbegabte denken häufig zu schnell, so dass die Feinmotorik der Hand nicht nachkommen kann. Ihre Fehler zudem häufig „durchdachter“ als die anderer Kinder. So können sie bei Anwendung der häufig vermittelten Regel, dass Anfassbares groß geschrieben werde, das Wort „Ofen“ im Winter als „ofen“ schreiben – denn dann ist das Anfassen ja gefährlich. Die Schwierigkeiten können sich bis zu einer generellen Schreibverweigerung auswachsen, was wiederum in die oben dargestellten Teufelskreise führen kann. Darüber hinaus werden Anpassungsleistungen hochbegabter Kinder beschrieben, die bis zur Umstellung der angeborenen Händigkeit gehen und trotz Begabung zu ausgeprägten Lernstörungen führen können.

    Die Probleme im zwischenmenschlichen Bereich können daraus entstehen, dass hochbegabte Kinder aufgrund ihrer Andersartigkeit einem erheblichen Spannungsfeld ausgesetzt sind. Oftmals können sie wegen Interessensunterschieden und Entwicklungsvorsprüngen mit Altersgenossen keine angemessenen Freundschaften eingehen. Isolation kann die Folge sein. Auch wird, wer anders ist, leicht zum Opfer. Daher ist Mobbing ein Thema, das bei hochbegabten Kindern behutsam beobachtet werden sollte. Hierbei kommen die hochbegabten Kinder nicht nur als Opfer, sondern auch als mögliche Täter in Frage. Denn wenn sie beispielsweise in nicht fruchtenden Anpassungsversuchen eigene Wünsche unterdrücken, so dass sich psychosomatische Symptome entwickeln, die schließlich in einen Rückzug führen, können sich depressive Symptome dann so verstärken, dass die Kinder schließlich rebellieren. Aggressivität ist somit als Ausdruck einer Enttäuschungsspirale erklärbar. Solche negativen Verhaltensweisen stellen jedoch für nicht geförderte Hochbegabte auch einen stimulierenden Zeitvertreib dar.

    Auch Konflikte in der Familie treten auf, und dies nicht nur im Falle einer negativen Entwicklung. Ständige Fragen, Kritik und Hinterfragen der Eltern durch ihre hochbegabten Kinder sowie deren hoher Anspruch auf Individualität und Selbständigkeit können bereits zu beachtlichen Auseinandersetzungen in den Familien führen. Eltern müssen die häufig asynchrone Entwicklung verstehen lernen und beispielsweise mit dem hohen Energielevel ihrer Kinder zurechtkommen. Ein hochbegabtes Kind kann auch in der elterlichen Beziehung Probleme bereiten.  Auch von Nachbarschaftsproblemen wird berichtet. Für die Kinder besteht eine weitere Belastung durch Etikettierung, beispielsweise als „notorischer Besserwisser“.

    Im Falle der verfehlten Leistungsmotivation kann es zu regelrechten Kämpfen um die Hausaufgaben kommen. In der Schule kann es durch unermüdliches Nachfragen, Unterrichtsstörung bis zum Clownverhalten oder Nebenbeschäftigungen bis hin zum Abschalten zu Konflikten mit Lehrern kommen.

    Im innerpsychischen Bereich erscheint die Diagnose Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS) als maßgeblich, die bei bis zu 17,8 Prozent aller Kinder gestellt wird. Bei Hochbegabten ist ADHS jedoch umstritten. Einige Autoren halten die Diagnosestellung bei Hochbegabten für gerechtfertigt. Andere beschreiben gar die Behandlung von Kindern, die die Diagnosen Hochbegabung, Autismus und ADHS in sich vereinen. Viele jedoch erwähnen jedoch eine mögliche Überlappung der ADHS-Symptomatik mit bestimmten Charakteristika der Hochbegabung, die zu einer ADHS-Fehldiagnose führen können: Hochbegabte Kinder zeigen demnach Unaufmerksamkeit eher in nicht herausfordernden Lernsituationen, während „echte“ ADHS-Symptome typischerweise unabhängig von der Umgebung auftreten. Viele der ADHS-Kinder weisen eine höhere Kreativität auf.

    Viele Hochbegabte sind zudem von Hochsensitivität betroffen, sprich eine schnellere, tiefere und feinere Verarbeitung der Sinneswahrnehmung. Die Betroffenen haben deutlich niedrigere Reizschwellen und sind übererregbar. Somit besteht das Problem der Reizüberflutung. Hochbegabte Kinder erleben ihre Umwelt und ihre Gefühlsregungen potenziert und weisen gleichzeitig eine geringere emotionale Stabilität auf.  Häufig wird jedoch übersehen, dass die emotionale Reife altersgemäß sein kann, jedoch in ihrer Diskrepanz zur kognitiven Entwicklung dazu unreif wirkt. Kinder schaffen es, sich woanders angepasst und ruhig verhalten, um dann zum Leidwesen ihrer Familien zu Hause die Spannung abzulassen. Mehr Informationen zu diesem Thema finden sich in meinem Blog über Hochsensitivität.

    Erhöhte nervliche Erregung, insbesondere wenn der Betreffende nicht weiß, woher diese nervliche Erregung kommt, kann zu erhöhter Unsicherheit und Ängstlichkeit führen. Angst ist immer geprägt durch einen körperlichen Anteil wie Herzklopfen und Schwitzen, einen gedanklichen, gefühlsmäßigen Anteil, beispielsweise der Vorstellung, sterben zu müssen, und einen Verhaltensanteil, zum Beispiel Flucht. Sie kann Kinder in ihrem Funktionieren äußerst beeinträchtigen und blockieren. Ebenso treten psychosomatische Beschwerden in Kombination mit vielen Störungsbildern auf. Spannungskopfschmerzen, Migräne, Bauchschmerzen bis hin zu Bettnässen und Tics werden daher häufig geschildert.

    Im schlimmsten Falle endet eine solch negative Entwicklung in Suizidalität. Die Kinder und Jugendlichen sehen keinen Ausweg mehr. Diese anschauliche Verdeutlichung möglicher Leidenswege hochbegabter Kinder stammt von Rahe:

    Britta Weinbrandt - Bachelorarbeit zur Elternberatung hochbegabter Kinder - Leidensweg hochbegabter Kinder nach Rahe

    Um eine solche Negativspirale zu verhindern, erscheint es außerordentlich wichtig, Entwicklungsauffälligkeiten jeglicher Art ernst zu nehmen und ihnen auf den Grund zu gehen.

    Hinweise zur Förderung hochbegabter Kinder

    Um im individuellen Fall einer positiven Entwicklung weiter förderlich sein zu können, gibt es eine Auswahl (therapeutischer) Hilfsmöglichkeiten und auch bestehender Hilfsorganisationen, an die man sich zwecks weiter führender Beratung und Intervention wenden kann:

    • Einen besonders wichtigen Schritt stellt die Anregung zur Ausübung eines selbst gewählten Hobbys dar, in dem die Kinder ihre Stärken spüren und positive Erfahrungen machen können. Hier kann es vorkommen, dass manche Kinder sich einen recht gefüllten Wochenplan aussuchen, andere verweigern sämtliche Angebot, die ihnen gemacht werden.
    • Jutta Billhardt vom Verein Hochbegabtenförderung riet hochbegabten Kindern generell aufgrund der häufig beobachteten motorischen und emotionalen Asynchronien zur Durchführung einer Ergotherapie. Diese gibt es in Gruppen- oder Einzeltherapien, die die Förderung der fein- und grobmotorischen Körper- und Bewegungsplanung und -Koordination zum Ziel haben. Auch hier kann die Entwicklung allgemeiner Arbeits- und Lerntechniken stattfinden, ebenso die Förderung der Kreativität im Sinne von Problemlösungsverhalten und Entwicklung von Anpassungsstrategien. Die Kinder können in eigenen Aufgaben zielbewusst auf ein (gemeinsames) Ergebnis oder Produkt hinarbeiten, Teamfähigkeit erwerben und Freundschaften schließen, um dadurch Selbstvertrauen und Handlungkompetenz zu erlangen. Unter Umständen, wenn beispielsweise starke motorische Unsicherheiten und ein angestrengtes Schriftbild beobachtet werden, empfiehlt sich eine Händigkeitsberatung.
    • Im Bereich der Physiotherapie bieten sich beispielsweise Psychomotorikkurse und die Förderung der sensorischen Integration an. Der Verlauf des neuromotorischen Aufrichtungsprozesses und eventuell vorhandene Ersatzmotorikmuster beziehungsweise persistierende frühkindliche Reflexe sollten abgeklärt werden. Ihre Therapie ist aus der Vojta-Therapie begründet. Auch die Durchführung einer Bobath-Therapie käme der Forderung von Billhardt um Unterstützung der motorischen Entwicklung entgegen.
    • Das Erlernen von Entspannungstechniken erscheint zum Abbau von Sekundärsymptomatiken sinnvoll.
    • Die Durchführung einer Gesprächspsychotherapie oder eine kognitiv-verhaltenstherapeutische Intervention ist zum Beispiel in Fällen depressiver oder verhaltensauffälliger Entwicklung ebenfalls angebracht. Psychologische Hilfen können kind- oder familienzentriert angedacht werden.
    • Erziehungsberatungsstellen und Schulpsychologische Dienste stehen zur Verfügung. An den Kultusministerien der Länder gibt es Ansprechpartner und Beratungslehrer für die verschiedenen Schulformen. Weitere regionale Beratungsstellen finden sich, häufig an den lokalen Universitäten und Universitätskliniken. Und auch die beiden großen Elternverbände führen Beratungen durch: Der Hochbegabtenförderung e.V. bietet zudem spezielle Förderkurse für hochbegabte Kinder und die DGhK organisiert regionale Elterntreffen sowie bundesweite Familientreffen.
    • Es gibt spezielle Schulen, die sich auf die Hilfe hochbegabter Kinder spezialisiert haben. In Hamburg sind dies die Brecht-Schule, die hochleistende Kinder aufnimmt, und die OKO Private School Talent-Schule Hamburg, die sich in einem einzigartigen Konzept zusätzlich auch der Underachiever annimmt.
    • Generell erscheint es sinnvoll, Kontakt zu anderen Betroffenen aufzunehmen. Eltern werden entlastet, wenn sie im Austausch mit anderen erfahren, dass sie mit den Herausforderungen, mit denen sie durch die Andersartigkeit ihrer Kinder konfrontiert sind, nicht allein sind. Die Vorurteile, die einem mit hochbegabten Kindern begegnen können, sind nicht zu unterschätzen. Viele denken, dass Eltern sich für etwas Besseres halten oder dass sie ihre Kinder dressieren, Stichwort Tenniseltern oder Helikoptereltern.

    Insoo Kim Berg und Therese Steiner formulieren Vorannahmen darüber, was Eltern und Kinder sich im Umgang miteinander wünschen: Eltern wollen stolz auf ihr Kind sein und einen guten Einfluss auf ihr Kind haben, sie möchten positive Dinge über es hören und wissen, was ihr Kind gut kann. Sie wollen ihm eine gute Ausbildung und Erfolgschancen eröffnen und sehen, dass die Zukunft ihres Kindes gleich gut oder besser sein wird, als die ihrige war. Außerdem wünschen sie sich eine gute Beziehung zu ihrem Kind. Kinder wiederum möchten, dass ihre Eltern stolz auf sie sind, sie wollen ihre Eltern und andere Erwachsene erfreuen und akzeptierter Teil des sozialen Kontextes sein, in dem sie leben. Kinder wollen neue Dinge lernen, aktiv sein und an Aktivitäten anderer teilhaben, sie wünschen sich, dass sie ihre Meinungen und Entscheidungen artikulieren und eine Wahl treffen können, wenn sich ihnen die Gelegenheit dazu darbietet.

    Die tatsächliche Situation, in der hochbegabte und hochsensitive Eltern und Kinder sich befinden, führt jedoch dazu, dass sie von anderen sehr oft schräg angeguckt werden, da sie die Kinder sich vielfach unerwartet verhalten und in kein Raster gesteckt werden können. Viele Menschen sind nicht sensibilisiert für die Probleme, die hochbegabte Kinder erleiden können. Und im Kontakt mit anderen bleiben diese Ressentiments meist unausgesprochen, welches Begegnungen für die Eltern mitunter schwierig machen kann. Es ist insbesondere für Kinder eine furchtbare Erfahrung, Ablehnung zu erfahren, die sich auf das Wesen der Kinder an sich bezieht. Ich möchte an dieser Stelle gern ein Plädoyer über die Einzigartigkeit von Kindern halten und verdeutlichen, dass Kinder sich ihre Gedankenwelt nicht aussuchen können. Niemand entscheidet sich dafür, sich mit den Dingen zu beschäftigen, mit denen er sich beschäftigt, vor allem nicht als Sechsjähriger in der heutigen Welt. Kinder brauchen von uns Antworten, mit denen wir ihnen zeigen, dass wir sie ernst nehmen.

    Insbesondere Donata Elschenbroich hat sich mit ihrer Zusammenfassung des „Weltwissen der Siebenjährigen“ sehr eingehend damit beschäftigt und den Entwurf einer ersten Liste gewagt.

    Ich kenne unzählige Familien, die nur mit gleichermaßen Betroffenen überhaupt über das Thema reden können. Ich hatte daher aufgrund meiner eigenen Erfahrungen das Bedürfnis, mich mit Eltern, Angehörigen und pädagogischen Fachkräften sowie meinen Berufskollegen über unsere Erfahrungen auszutauschen, damit wir dem, was auf uns zukommen kann, bestmöglich begegnen können. So entstanden die Seminare „Hochbegabte Kinder – eine Herausforderung im pädagogischen Alltag“ und „Hochbegabte Kinder in der logopädischen Therapie“.

    Seit September 2017 biete ich zusätzlich über die Deutsche Gesellschaft für das hochbegabte Kind e.V. einen Gesprächskreis Hochbegabung und Hochsensitivität in Güster an, der sich monatlich trifft, zur Zeit online. Hier können nach dem Motto „Anders zu sein ist auch irgendwie normal… wenn man sich mit Anderen zusammentut!“ auf Wunsch der Teilnehmer verschiedenste Themen angesprochen werden, wie:

    • individueller praxis- und lösungsorientierter Austausch in lockerer Runde
    • Klärung von Fragen und Informationen rund um die Themen „Hochbegabung“ und „Hochsensitivität“
    • Verbesserung von Beziehung und Kommunikation
    • Chancen und Risiken der Entwicklung (Motivation und Selbstwirksamkeit)
    • Forder- und Fördermöglichkeiten
    • Beschäftigung mit Fachliteratur

    Die Texte wurden größtenteils meiner 2012 entstandenen Bachelorarbeit „Hintergründe und Praxis der Elternberatung in der logopädischen Therapie hochbegabter Kinder“ aus dem Studium der Angewandten Therapiewissenschaften entnommen. Dort sind ebenfalls alle Quellenangaben verzeichnet.